Indie & Alternative,  Konzerte

Rifle – The Last Dinner Party im Zenith (Bericht)

Als The Last Dinner Party zuletzt 2024 in der ausverkauften TonHalle in München spielten, war der Hype greifbar. Nun also das Zenith, etwas über ein Jahr später, diesmal sichtbar luftiger gefüllt. Doch was dem Abend an Dichte im Publikum fehlt, machen die fünf Britinnen mit umso größerer stimmlicher Wucht wett.

© Josefina Gerstner

Schon beim Betreten des Saals wird klar: Hier geht es nicht nur um Musik, sondern um Inszenierung. Ein barock anmutendes Bühnenbild empfängt das Publikum – schwere Vorhänge, steinerne Torbögen, dramatische Lichtachsen. Auf einem Klavier steht ein Glas Rotwein, fast beiläufig drapiert, als gehöre es zu einem opulenten Salon des 18. Jahrhunderts. Alles ist durchkomponiert, alles unterstreicht diese fragile, feminine Eleganz, die sich wie ein roter Faden durch Ästhetik und Sound zieht. Jede noch so kleine Ansprache wird mit Kreischen beantwortet. Als Frontfrau Abigail Morris ihr erstes „Willkommen“ auf Deutsch ins Mikrofon haucht, brandet Begeisterung auf. Später fordert sie: „Munich, darling, I’d like to ask you to put your hands skywards“, das Zenith folgt artig, fast andächtig.

Musikalisch zeigt sich die Band einmal mehr als fluides Konstrukt zwischen Indie-Rock, Art-Pop und dramatischer Theatralik. Irgendwo zwischen barocker Opulenz, britischem Humor und einer Prise Kate Bush entfaltet sich ein Sound, der sich konsequent Genregrenzen entzieht. Die fünf Musikerinnen wechseln immer wieder die Instrumente, tauschen Lead- und Begleitstimmen. Die Harmoniegesänge tragen Morris’ Stimme wie ein schimmernder Rahmen: mal zart, mal beschwörend, mal mit beinahe mystischer Eindringlichkeit. Besonders intensiv: Wenn sich die Band im Kreis versammelt, eng beieinanderstehend, wirkt der mehrstimmige Gesang fast rituell. Beschwörend. Nahbar. Für einen Moment scheint das große Zenith zu einem intimen Saal zu schrumpfen.

© Josefina Gerstner

Ganz reibungslos verläuft der Abend allerdings nicht. Zeitweise wirkt das Set etwas gezügelt, einzelne Stimmen harmonieren nicht perfekt – vermutlich eher technische als gesangliche Ursachen. Zwischenzeitliche Soundprobleme werden jedoch professionell überspielt, kleine Bühnen-Missgeschicke charmant abgefedert. Die Souveränität der Band verhindert, dass die Magie kippt. Emotionale Höhepunkte gibt es dennoch reichlich. „Nothing Matters“ gerät zur kollektiven Hymne, mit erhobenen Armen und glänzenden Auge, in der ersten Reihe werden Pappschilder hochgehalten, es fließen Tränen. „Sail Away“ hingegen entfaltet sich als fragile Ballade, getragen von einer beinahe schmerzhaften Verletzlichkeit. Morris sitzt am Bühnenrand, lässt die Augen über das Publikum wandern und schafft damit beinahe ein Gefühl von Zweisamkeit.

Neben der musikalischen Inszenierung setzt die Band auch ein soziales Zeichen. Im Rahmen ihrer Initiative „Ribbons for Provisions“ kooperieren sie mit der Münchner Tafel. Der Aufruf, die freiwilligen Helfer*innen durch Spenden zu unterstützen, ist ehrlich und unprätentiös: der Wunsch, „etwas Effektives, Gutes zu tun“, wirkt nicht wie ein PR-Moment, sondern wie gelebte Haltung. Überhaupt schwebt über dem Abend eine Art kultureller Brückenschlag: eine Feier vieler Sprachen, vieler Kulturen. Deutsche Einsprengsel treffen auf britische Nonchalance, Pathos auf augenzwinkernden Humor. Selbst der obligatorische München-Verweis – inklusive Besuch im Hofbräuhaus München – wird mit charmanter Selbstironie serviert.

© Josefina Gerstner

Am Ende bleibt ein Konzert, das vielleicht nicht in jeder Sekunde makellos war, dafür aber voller Emotion, Haltung und ästhetischem Selbstbewusstsein. Ein Abend zwischen Salon und Sturm, zwischen Kreischen und Andacht und der Erkenntnis, dass große Eleganz nicht zwingend ein volles Haus braucht.

Setlist: Agnus Die / Count The Ways / The Feminine Urge / Caesar On A TV Screen / On Your Side / Second Best / I Hold Your Anger / Woman Is A Tree / Gjuha / Rifle / Big Dog / Burn Alive / The Scythe / Sail Away / Sinner / My Lady Of Mercy / Inferno / Knocking At The Sky / Nothing MattersZugaben: This Is The Killer Speaking / Agnus Dei

Bericht & Fotos: Josefina Gerstner

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