Göttliche Wollust – Don Giovanni an der Bayerischen Staatsoper (Kritik)
Verkleidung, Versteckspiel, Komödie und düsterer, doppelter Boden – das ist ein übliches Opernmotiv von vielen Stücken aus dem 18. Jahrhundert. Dennoch haben wenige dieser Werke weiterhin eine so große Bekanntheit wie „Don Giovanni“ von Wolfgang Amadeus Mozart. Das exzessive Spiel, die eindringlichen Arien, die große Möglichkeit zur Inszenierung, all das hat das Werk über viele Jahre spannend gehalten. Auch an der Bayerischen Staatsoper ist es ein stetiger Begleiter und so wird es auch weiter bleiben, denn zu den Münchner Opernfestspielen gibt es von Regisseur David Hermann eine Neuproduktion, die zum Staunen führt. Das liegt ganz besonders an einer Person.

Doch von Beginn an: Regisseur Hermann gelingt ein psychologisch dichtes und düsteres Kammerspiel, das den Mythos des Verführers in eine graue Kastenlandschaft verlegt. Fernab barocker Prunkkulissen zieht sich Don Giovanni wie ein gehetztes Tier durch allerlei Effekte wie Videoprojektion und Lichtausgestaltung, verfolgt von seinen inneren Dämonen und den Frauen, die er hinterlässt. Die Bühne (Jo Schramm) ist steril, zurückhaltend, lediglich der Rahmen für ein exzessives, extrovertiertes Spiel. Die Farbe, das Rollenspiel, die Unkontrolliertheit, all das kommt von den Menschen.
Musikalisch trägt Generalmusikdirektor Vladimir Jurowski mit präzisem Gespür für dramatische Entwicklung und Klangbalance durch den Abend. Das Bayerische Staatsorchester musiziert mit kammermusikalischer Transparenz und rhythmischer Schärfe, ohne zu sehr ins Theatralische zu kippen oder dem Gesang seinen Fokus zu rauben. Im Zentrum steht Konstantin Krimmel als Don Giovanni, dessen Spiel die geteilten Rollen – die des echten und des besessen Giovannis – grandios meistert und für deutliche Begeisterung sorgt. Seine Stimme verfügt nicht nur über ordentlich baritonale Kraft, sondern auch immense Kontrolle. Ein eiskalter Charmeur, dessen Abgründe sich in jedem Phrasierungsdetail offenbaren.

Auch das übrige Ensemble glänzt: Samantha Hankey als Donna Elvira vereint Verletzlichkeit und Wut mit stimmlicher Brillanz, während Vera-Lotte Boecker eine Donna Anna mit großer Strahlkraft gibt. Leporello, oft eine wesentliche Nebenrolle, mit der die Oper steht und fällt, wird von Kyle Ketelsen nicht nur mit komödiantischen Talent, sondern auch menschlicher Tiefe getragen. So wird der Abend zu einem intensiven Psychodrama, das die Frage nach Schuld und Sühne eindringlich neu stellt – ganz im Sinne Mozarts, aber konsequent ins Heute übersetzt. Eine gelungene Festspiel-Neuproduktion!
Kritik: Ludwig Stadler
Besuchte Vorstellung: 4. Juli 2025

