Musical,  Theater

Berlin 1990 zwischen Wende und AIDS – „Wir sind am Leben“ im Theater des Westens (Bericht)

Berlin hat ein neues Musical! Seit dem Erfolgsmusical „Ku’damm 56“, das 2021 Premiere feierte, scheinen das Komponistenduo Peter Plate und Ulf Leo Sommer auch im deutschen Musicalmarkt ein goldenes Händchen zu beweisen. Dass ihre Lieder für Sarah Connor oder Max Raabe, aber natürlich ganz besonders von Rosenstolz unlängst zur deutschen Musikhistorie gehören, ist klar, aber seit einigen Jahren haben die beiden Songwriter auch federführend das Theater des Westens Berlin künstlerisch inne. Neben Stücken wie „Romeo & Julia“, „Die Amme“ und der Nachfolger „Ku’damm 59“ feiert nun ihre neueste Kreation im März 2026 Premiere: „Wir sind am Leben – Das Berlin Musical“.

© Michael Bidner

Zeitlich befinden wir uns im Jahr 1990: Die Mauer ist gefallen, Ost und West kommt zusammen, lernt sich kennen und versucht sich gegenseitig einzugliedern. Inmitten dessen steht das Konsum Hoffnung in Berlin, ein altes verfallenes Haus im Osten, das von einer bunten Gruppe an Menschen als zuhause vereinnahmt wurde und eine Art kreative WG aus Ost, West und darüber hinaus fungiert. Die Telefonanlage im Haus war allerdings in der DDR das Sorgentelefon – und so führen die Bewohner*innen genau diese Aufgabe weiter. Nebenbei sehen und verfolgen wir die Einzelschicksale der Personen.

Im Fokus steht Familie Fröhlich, bestehend aus drei Personen: Nina Fröhlich (Celina dos Santos), die mit teils skrupellosen Methoden ihren Traum vom Popstar verwirklichen will; ihr kleiner Bruder Mario Fröhlich (Markus Spagl), der seine verdrängte Homosexualität zulässt und in Berlin erwachsen zu werden scheint, und deren Mutter Rosi Fröhlich (Steffi Irmen), die im Osten in Wittenberg einen erfolgreichen Friseursalon hatte, nun aber mit dessen Schließung und zusätzlich Taten ihrer Vergangenheit kämpfen muss. Dazu kommt Drag-Künstler Bruno, der kubanische Tänzer Nando, Hippie-Dame Doris und das lesbische Paar mit Baby, Ramona und Brigitte. Klingt nach sehr vielen Subplots für ein Musical? Definitiv.

© Dominic Ernst

Dass Plate und Sommer aber durchaus auch viele Einzelschicksale intensiv und eindringlich vertonen können, haben sie bereits in den „Ku’damm“-Adaptionen bewiesen. Bei „Wir sind am Leben“ ist eine komplette Origins-Story entstanden, die viele Konflikte beleuchten möchte: Ost-West, AIDS-Pandemie, Selbstbestimmung, Identität, innere Dämonen, Selbsterfüllung und viele mehr. Die Palette ist riesig und verzettelt sich leider im fortschreitenden Stück an zu vielen Baustellen und schwankender Intensität. Nicht alle Schicksale bekommen den nötigen Fokus und besonders die charakterliche Ausarbeitung könnte oft besser sein, um nachhaltig zu berühren, so verfließt die tänzerische Storyline rund um Nando schnell im Sand, auch die Geschichte um das Paar Ramona und Brigitte wirkt erzwungen und als der ein Strang zu viel. Stattdessen wäre eine intensivere Betrachtung von Nina erfreulich gewesen, denn abgesehen von ihrer Motivation nach Ruhm und einer Gesangskarriere bleibt sie ziemlich blass, von ihren Motiven erfahren wir nichts.

Angesiedelt im Setting einer recht heruntergekommenen Häuserlandschaft ist das Bühnenbild zwangsläufig nicht strahlend, aber genau passend uns stilistisch sinnvoll für die Zeit. Mit kleineren Lichteffekten und cleveren Choreografien werden immer wieder Momente erzeugt, die beim Publikum für helle Begeisterung sorgen. Diese jubeln auch besonders laut bei fast jedem Auftritt von Steffi Irmen als Rosi Fröhlich. Die Schauspielerin ist spätestens seit „Romeo & Julia“ ein Zuschauerliebling – völlig zurecht. Sowohl gesanglich als auch schauspielerisch schöpft sie aus den Vollen, es ist eine Freude, ihr zuzusehen. Sicher auch, da ihre Rolle als ostdeutsche Paraderolle sehr passend für das Berliner Zielpublikum ist, aber auch als gescheitertes Einzelschicksal einiges an emotionaler Verbindung mit sich bringt. Dennoch wäre es spannend gewesen, im Mutter-Tochter-Konflikt als auch besonders in die Auseinandersetzung mit ihrer Vergangenheit viel intensiver hineinzugehen. Gerade hier als Musical über und in einer geteilten Stadt muss mehr Intensität in die Identitätskrise nach der Wende.

© Jörn Hartmann

Eine weitere Fokussierung ist die Pandemie der 1990er-Jahre: AIDS. Die Personen in „Wir sind am Leben“ sind zu einem Großteil queer und stehen sehr intensiv vor dieser Bedrohung, in Form von Bruno kann das Publikum genau diesen tragischen Werdegang verfolgen. Plate und Sommer widmen diesem Moment auch einen der größten Songs ihrer Komponistenkarriere, „Die Schlampen sind müde“ von Rosenstolz, grandios dargeboten von Celina dos Santos, die besonders hier die Parallele zur viel zu früh verstorbenen Sängerin AnNa R. erkennen lässt. Diese Momente sind es auch, die „Wir sind am Leben“ immer wieder strahlen lassen und sowohl über das holprige Buch als auch die Musik, die an Eingängigkeit und Eindruck nicht an die Vorgänger-Musicals von Plate und Sommer heranreicht, hinwegzukommen. Am Ende bleibt eine knapp dreistündige Liebeserklärung an Berlin in einer historisch besonders turbulenten Phase. Hier funktioniert sehr viel sehr richtig, aber leider nicht alles.

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