Code Red – Tori Amos im Circus Krone (Bericht)
Das Wort „Legende“ wird gerne inflationär verwendet und trifft nicht immer auf die jeweilige Person zu, aber Tori Amos ist fraglos eine Legende der weiblichen Singer-Songwriter-Szene. Ihre Musik aus feinsinnigen Arrangements, leichten Pop- und Rock-Anstrich, aber vor allem sehr viel Klavier, das gerne in Jazz und Soul eintaucht, ist einzigartig, ihre poetischen und kritischen Texte oft ihrer Zeit voraus. Mit ihrem neuen Album „In Times Of Dragons“ spielt sie nun am Sonntag, 10. Mai 2026, im mit 1.700 Personen restlos ausverkauften Circus Krone München.
Auf der Bühne verkünstelt man sich nicht zu sehr, lediglich ein großer Vorhang mit einigen Lichtprojektionen und ein zerbrochenes Drachenei mit zwei Hälften schmückt den Hintergrund, davor der charakteristische Bösendorfer-Flügel und Synthesizer, zudem Schlagzeug, Bass und drei Mikrofone für die Band und Backgroundsängerinnen. Was recht minimalistisch wirkt, ist musikalisch beim Start um 20:55 Uhr schnell ausgefüllt und erreicht seine volle Kraft mit dem Einsetzen des Klaviers. Als Tori Amos die Bühne betritt, steht der Großteil des Circus Krone bereits für das Werk der Künstlerin auf – und dann immer wieder zwischen den Songs, um die Performance zu würdigen.

Denn allein musikalisch war Amos schon immer mehr als nur Pop. Gerade ihre Klavierlastigkeit und ihr kompositorisches, aber auch spielerisches Talent geben den Liedern eine ungemeine Wertigkeit und Komplexität. Fast jedes Lied startet mit einer Improvisation, auch inmitten des Konzerts gibt es reichlich Soli von Schlagzeug und Bass, aber eben auch von Amos selbst, die sich mit reichlich Spielfreude in die Melodien stürzt. Immer mit Körper und Blick zum Publikum wechselt sie sich ab mit dem Flügel auf der rechten, den zwei Synthesizern auf der linken Seite. Streckenweise bespielt sie zwei Tasteninstrumente zeitgleich, während sie zusätzlich singt. Beeindruckend!
Nicht weniger beeindruckend agiert ihre Band: Earl Harvin an Drums und Percussions mit kreativem, aber niemals aufdringlichem Spiel; Jon Evans als jahrzehntelanger Begleiter und musikalischer Arrangeur an Bass und Gitarre; Liv, Denial und Hadley als dreistimmiger Chor, der die sowieso schon intensiven Songs vokal auf ein intensives, beeindruckenderes Level hebt. Dazu trägt auch die Akustik in der wunderbaren Location bei, die dem klavierlastigen Sound schmeichelt und gerade Lieder wie „Code Red“ oder auch „Shush“ vom neuen Album zu wahren Gänsehautmomenten werden lässt.
Ansonsten entscheidet sich Tori Amos für einen Abend voller Raritäten: Hits wie „Cornflake Girl“, „Crucify“ oder „A Sorta Fairytale“ fehlen komplett, stattdessen fallen selten gespielte Werke wie „Witness“, „Ruby Through The Looking-Glass“ oder das abschließende „Body And Soul“ in die Setlist. Gerade diese Unkalkulierbarkeit in den Songs, die sie auswählen wird und auch variiert, macht jeden Konzertbesuch ungemein spannend und lässt auch diesen Auftritt mehr als gelungen nach rund 105 Minuten enden. Chapeau!
Setlist: Fire To Your Plain / Shush / Bliss / Ruby Through The Looking-Glass / In Times Of Dragons / Pretty Good Year / Putting The Damage On / Pandora’s Aquarium / Stronger Together / Girl / Code Red / Witness / Precious Things – Zugaben: Big Wheel / Body And Soul
Bericht: Ludwig Stadler


