Anything Like Me – Poppy im Backstage Werk (Bericht)
Als vor elf Jahren ein Video auf YouTube erschien, in dem eine engelsgleich-elfenhafte Person über zehn Minuten lang lediglich „I Am Poppy“ sagt, war ein viraler Hype nur eine Frage der Zeit. Mittlerweile ist von dieser Kunstfigur lediglich der Name übrig: Poppy. Die amerikanische Sängerin umgibt weiterhin eine gewisse Mystik, niemand weiß genau, wer sich hinter der Fassade versteckt – aber zumindest musikalisch ist sie mittlerweile gefestigt. Nach zahlreichen Ausflügen hat sie sich mit dem Album „Negative Spaces“ endlich gefunden. Diesen Weg geht sie auf dem Nachfolger „Empty Hands“ konsequent weiter. Damit geht es, nach vielen Anläufen, erstmals auf europäische Headliner-Tour – einschließlich am 19. März 2026 im Backstage Werk. Das Konzert mit Ocean Grove und Fox Lake ist restlos ausverkauft.
Der recht frühe Start um 19 Uhr stört wenig, das Werk ist bereits beachtlich gefüllt, als Fox Lake die Bühne betreten. Die Amerikaner spielen einen Mix aus NuMetal, Hardcore und Beatdown und passen damit perfekt in die Stilrichtung der härteren Poppy-Songs. Dass dieses Genre gut ankommt, war abzusehen, die anstachelnde Motivation von Frontmann Nathan Johnson auf Moshpits und allerlei Interaktionen tut ihr Übriges. Leider der Sound ist nicht ausgeglichen und bleibt etwas hinter der Wucht zurück, die ihre Riffs eigentlich hätten.
Setlist: Go 4 The Throat / Cold Hard Truth / Pure Adrenaline / Dog Eat Dog / Tunnel Vision / Excessive Damage / Real Fast / Gaslight / Freestyle
Die folgenden Ocean Grove waren erst vor kurzem mit Thornhill in München zu Gast und kehren nun wieder zurück. Selbstverständlich ist das nicht, denn ihre Anreise aus Australien ist nicht die kürzeste. Natürlich passt ihr NuMetal-lastiger Sound mit einigen ohrwurmlastigen Refrains bestens zum Abend und da ein beträchtlicher Teil der Menge ihren Namen oder vielleicht sogar die Musik schon einmal gehört hat, ist die Stimmung äußerst wohlwollend. Dennoch ist das Auftreten des Vierergespanns unsympathisch, strotzt vor Selbstüberschätzung und Testosteron. Im Laufe ihrer 40-minütigen Spielzeit wird gerade das stetig unangenehmer.
Setlist: Cell Division / Superstar / Ask For The Anthem / My Disaster / Last Dance / Guys From The Gord / Raindrop / Stratosphere Love / Junkie$ / Fly Away

Schon auf den ersten Blick fällt die für das Backstage Werk verhältnismäßig große Produktion auf: Reichlich Lichtshow, ein kleiner Screen und dahinter ein riesiges Schlagzeug-Podest. Dazu kommen mächtige Luftsäulen, die so viel Druck haben, dass sie das liegengebliebene Konfetti der vergangenen Shows mitwirbeln und für einen ungewollten Zusatz-Effekt sorgen. Inmitten darin: Poppy. In ihrem türkisen Barockkleid und den langen schwarzen Haaren spiegelt sie genau diese Diskrepanz wider, für die sie bekannt ist: ein vermeintlich zierliches Auftreten, gepaart mit harter Musik und schroffen Riffs. Diese bringt ihre vierköpfige Band bestens und druckvoll zum Leben, das reine Zuhören macht schlichtweg Spaß.
Die erfreulichste Entwicklung ist Poppys Live-Gesang: Hat sie 2024 als Support von Bad Omens noch sehr ausschweifend auf Backing-Tracks oder gar Playback zurückgegriffen und mehr Enttäuschung als Begeisterung verursacht, singt sie mittlerweile alle Parts live und treffsicher selbst. Man spürt, wie die letzten beiden Alben endlich ihre musikalische und persönliche Findung komplettieren und dadurch ihre Live-Qualitäten ungemein zunehmen. Auch ihre gelegentlichen Ansagen wirken authentisch, selbst wenn sie weiterhin in der kaum greifbaren Kunstfigur steckt, ohne sich darin zu verlieren. Das zeigt sich auch im Publikum: Bewegung, Tanz und Crowdsurfing (sogar eines Rollstuhlfahrers!). Lediglich die Anzahl der Songs ihres neuen Albums bleibt gering, auch insgesamt ist ihre Spielzeit knapp: Nach der Zugabe „New Way Out“ und gerade einmal 65 Minuten verabschiedet sich Poppy. Ein eindrucksvolles, aber kurzes Vergnügen.
Setlist: Bruised Sky / Bloodmoney / Scary Mask / The Cost Of Giving Up / Public Domain / Concrete / The Center’s Falling Out / Anything Like Me / Have You Had Enough? / Crystallized / Time Will Tell / V.A.N. (Bad Omens cover) / If We’re Following The Light / They’re All Around Us / New Way Out
Bericht: Ludwig Stadler


