Welcome To The Rock! – „Come From Away“ im Deutschen Theater (Bericht)
38 Flugzeuge, 7000 Menschen und eine Kleinstadt namens Gander. Was am 11. September 2001 in New York City passiert ist, wissen wir alle. Was damals in Gander, Neufundland passierte, nur die wenigsten. Nun erzählt uns ein Musical eindrucksvoll diese Geschichte über Menschlichkeit, Integrität und Hilfsbereitschaft. In Kooperation mit dem Theater Regensburg feiert Come From Away am 10. Juli 2025 seine Münchner Premiere am Deutschen Theater.
Aufgrund des terroristischen Attentats auf das World Trade Center wurde der amerikanische Flugraum plötzlich gesperrt – alle sich in der Luft befindenden Flugzeuge wurde umgeleitet, einige von ihnen nach Gander, Neufundland. Was für die Menschen dort wie ein ganz normaler Tag begann, endete in einer mehrere Tage andauernden Hilfsaktion. Wir lernen Claude (Benedikt Eder) kennen, Bürgermeister der Stadt und im ständigen Konflikt mit Garth (Andreas Bieber), der als Schulbusfahrer eigentlich dauerhaft streikt. Daneben gibt es noch Beulah (Patricia Hodell) und Annette (Wietske van Tongeren), die die städtische Schule leiten. Bonnie (Fabiana Locke) arbeitet im Tierheim und Oz (Felix Rabas) sorgt als Polizist für Ordnung im kleinstädtischen Provinzleben.

Besonders spannend ist dabei allerdings, dass das 12-köpfige Ensemble beide Seiten der Geschichte verkörpert. So spielen sie einerseits die Einwohner Ganders und andererseits die ankommenden Flugzeuginsassen – eine beeindruckende schauspielerische Leistung, wenn man bedenkt, dass der Wechsel von Helfer*in zu hilfesuchender Person teilweise binnen Sekunden passiert. Auch inszenatorisch (Regie: Sebastian Ritschel) ist dies trotz einfachster Mittel durchweg gelungen. Mit Hilfe von Tischen und Stühlen wird das Flugzeug, die Aula der Schule, die Kneipe oder auch der Bus gebaut, der die Neuankömmlinge in die Stadt bringt. Der Figurenwechsel funktioniert ebenfalls auf einfache, offensichtlichste Art und Weise, indem kurz ein anderes Kostümteil (Jacke, Mütze, Weste) übergezogen wird. Das Theater Regensburg beweist: Manchmal muss es nicht kompliziert sein. Die Geschichte steht im Zentrum, komplizierte Kostüm- und Bühnenbildwechsel sind da unnötig.
Im Mittelpunkt stehen dabei vor allem die zahlreichen gesellschaftskritischen und politischen Themen, die das Musical aufgreift. Es erteilt uns nicht nur eine eindrucksvolle Lektion in Integrität – verkörpert durch die bedingungslose Hilfsbereitschaft der Menschen in Gander –, sondern deckt zugleich tief verwurzelte rassistische Denkmuster auf, thematisiert die Ängste homosexueller Menschen vor Zurückweisung und kritisiert das Fehlen emanzipatorischer Strukturen im Berufsbild der Pilotin bzw. des Piloten. Besonders eindrucksvoll verdichtet sich letzteres in der großen Solo-Nummer Der Himmel geht auf, in der die Geschichte der Pilotin Beverley musikalisch verarbeitet wird. Wietske van Tongeren leiht dieser Figur ihre Stimme und schafft es mit großer Präsenz und stimmlicher Stärke ihr jene unerschütterliche Kraft zu geben, die eine Frau auszeichnet, die unbeirrt ihren Weg gegangen ist – gegen alle Widerstände.

Besonders erwähnenswert ist bei dieser Produktion des Theaters Regensburg die Tatsache, dass es sich um eine deutschsprachige Erstaufführung des Musicals Come From Away handelt. Seit 2015 überzeugt es bereits in Amerika ein breites Publikum und feierte 2017 seine Broadway Premiere. Sabine Ruflair hat nun im vergangenen Jahr die deutschen Texte für das Musical verfasst – und die sind wirklich gelungen. Zu keinem Zeitpunkt fällt der deutschsprachige Text negativ auf, er fügt sich gut und natürlich in die musikalischen Strukturen hinein. Und das ist nicht selbstverständlich, wenn man bedenkt, dass die Musik des Musicals von rasantem Tempo und rhythmisch schneller und schwieriger Artikulation der Gesangstexte lebt. Der Musikalische Leiter Andreas Kowalewitz bringt die folkloristischen Klänge der Musik, die in der traditionellen Musik Neufundlands wurzelt, mit seiner 8-köpfigen Band gekonnt auf den Punkt. Geprägt von keltischen Einflüssen, irischen Geigen, Mandoline und Bodhrán erzeugt die Musik einen einzigartigen Sound, der nicht nur geografisch verortet, sondern auch ein Gefühl von Gemeinschaft und Zugehörigkeit erzeugt.
Und darum geht es Come From Away im Kern: Inmitten einer beispiellosen Ausnahmesituation erinnert uns das Musical daran, wie sehr wir aufeinander angewiesen sind – unabhängig von Herkunft, Hautfarbe, Ethnie oder sexueller Identität. Es ruft ins Bewusstsein, dass Mitmenschlichkeit und Solidarität keine Grenzen kennen dürfen. Gerade in einer Zeit, in der immer mehr Teile der Welt von Krieg, Spaltung und Angst geprägt sind, ist diese Botschaft dringlicher denn je: Wir dürfen unsere Humanität nicht verlieren – und das Gefühl dafür, was uns als Gemeinschaft zusammenhält.
Bericht: Rebecca Raitz

