Bildgewaltiger Zirkus mit großen Stimmen – „Turandot“ in der Staatsoper (Kritik)

Ganz vollendet werden konnte Giacomo Pucchinis letztes Werk „Turandot“ nie, es endet vor dem Finale. Mutmaßungen gibt es viele, auch Nachkompositionen im Sinne der Notizen des Komponisten, aber die Bayerische Staatsoper endet ihre Produktion eben dort, wenn Liù Poesie wird, also den letzten geschriebenen Tönen. Szenisch sieht es da zum Schluss anders aus, aber bis zu diesem Punkt ist es ein langer und wilder Weg, den es zum Jahresbeginn 2020 wieder im Nationaltheater zu erleben gibt. Die große Besonderheit: Opernstar Anna Netrebko konnte für die Titelpartie gewonnen werden. Der Saal ist also, wie zu erwarten, bis auf den letzten Platz besetzt.

© Wilfried Hösl

Pucchinis Oper selbst ist nicht das Glanzstück seiner Karriere, zu unentschlossen dafür oft die Komposition, zu belanglos die Melodien. Zwar befindet sich mit „Nessum Dorma“ darin die Pop-Hymne des Opernrepertoires, aber sonst glänzt die Oper maximal mit der wuchtigen Instrumentalmusik, die das Bayerische Staatsorchester unter der Leitung von Giacomo Sagripanti gekonnt und akzentuiert einzusetzen weiß, dennoch gelegentlich die Solisten übertönt. Die Geschichte um Prinzessin Turandot, die eine Schreckensherrschaft in China zu pflegen weiß und dem ihre Liebe bietet, der ihre drei Rätsel löst (anderweitig dem Tod), weiß aber sehr wohl durch die kurzweiligen rund 110 Minuten zu führen und teils zu fesseln. Die Radikalität und Brutalität, die der Person der Turandot zugrunde liegt, fasst Pucchini für die Opernwelt überraschend konsequent auf und inszeniert sie als eiskalte Mörderin – zu einer potentiellen Läuterung kommt er im Fertigstellungsprozess nicht mehr.

© Wilfried Hösl

Ein wortwörtlicher Hingucker ist hierbei aber vor allem die Inszenierung. La Fura dels Baus, wegweisende Theatergruppe aus Spanien, die vor allem für ihre ausgefallenen und opulenten Resultate bekannt sind, wie auch 2018 im Rahmen des Tollwood Sommerfestivals auf dem Olympiasee, haben sich hier an ihre Interpretation der Oper herangewagt, insbesondere Carlus Padrissa, der sich vor allem um die Musiktheater-Produktionen im Kollektiv bemüht. Wenngleich man anfangs verdutzte Gesichtern erntet, als Eishockeyspielerinnen die Bühne kreuzen, während ein allgemein Gewusel auf der Bühne entsteht, Artisten in luftigen Höhen umherkreiseln und anschließend auch noch Breakdance auf die Orchestermusik folgt, findet man trotz des überladenen Starts schnell Gefallen an der ausgefallen Bildsprache. Zeitweise wirkt es wie ein Zirkus, eine Unterhaltungsproduktion, wenn Chor und Extrachor auf der Bühne agieren und aus dem Nichts ein gefühlt endloser, leuchtender Kinderchor erscheint, der Kaiser Altoum in das Zentrum zieht. Padrissa gelingt es, wie von ihm erdacht, das Großstadttreiben, das Nicht-Stillstehen Chinas auf die Staatsopern-Bühne zu bringen, auch die Auflösung nach Liùs Tod in Stille, Innehalten und Verbundenheit geht auf, dennoch bleibt insbesondere das Kostüm Turandots ein großes Fragezeichen, da es stilistisch eher an der japanischen als chinesischen Kultur orientiert ist. Ein kleiner Kultur-Crash.

© Wilfried Hösl

Aber, möchte man böse sein, ist die Inszenierung an diesem Abend sowieso zweitrangig, denn der Ticketkauf des Publikums unterliegt zum großen Teil einem Grund: Anna Netrebko. Die russische Sopranistin hat München zwar im Sommer 2019 im Rahmen eines Liederabends besucht, ihr letztes Opernengagement liegt allerdings bereits über drei Jahre zurück. Oft wird sie als „leading soprano of the world“ betitelt, was sich auch im hohen Eintrittspreis widerspiegelt, der die 300€ in den ersten beiden Kategorien überschreitet. Aber gut, große Namen erfordern große Mittel, und Netrebko ist nun wahrlich der größtmögliche Name in der Opernwelt 2020. Ihr Rollendebüt als Prinzessin Turandot meistert sie dabei schier mit links, stimmlich ist die Partie allerdings auch keine Herausforderung für sie. Anerkennung erhält sie fraglos in Form von tosendem Applaus, als sie über die gesamte Sangesgewalt der Chöre darüber singt und deutlich übertönt. Chapeau! Den lautesten Applaus des Abends bekommt allerdings Selene Zanetti in der Rolle der Liù, die in ihren beiden Arien die Höhen perfekt färbt und zurecht als Stern der Aufführung die Bühne verlässt. Yusif Eyvazov, Besetzung des Calaf und zugleich Netrebkos Ehemann, geht ein bisschen im Schein der beiden Solistinnen unter, wenngleich seine Performance durchaus als solide zu verstehen ist. Das „Nessum Dorma“ zu Beginn des 3. Akts kommt dann aber allemal tonsicher und stimmstark aus der Kehle des Tenors, was mit ordentlichem Applaus (und einem unverständlich lautem Buh-Ruf eines respektlosen Herren in Reihe 13) honoriert wird.

Am Ende ist Liù tot, wieder in einem Bildgewalt-Bombast und ordentlich Kunstblut dargestellt. Von ihr gehen etliche grüne Strahlen weg, die die Ensemble-Mitglieder erreichen. Ihre Liebe zu Calaf ist es, welche die Prinzessin dann doch noch erweichen und zum Gewinner ihres Ratespiels und wohl auch Herzens werden lässt. Zumindest ist es dieses Mal so. Denn was tatsächlich das Ende für Pucchinis Werk wäre, werden wir nie erfahren.

Kritik: Ludwig Stadler