Volle Saufkraft voraus – 3x Emil Bulls im Backstage Bierzelt (Bericht)

Auf 25 Jahre Bestehen können die Lokalmatadoren Emil Bulls mittlerweile zurückblicken. Und was alles geplant war: Jubiläumstour und natürlich der große Geburtstags-Bash Ende Dezember im Zenith. Dann kam Corona, Pandemie, Ausnahmezustand. Tour und Bash – mittlerweile per Großveranstaltungsverbot im Jahr 2020 nicht mehr möglich. Immerhin sind aber Abstandskonzerte erlaubt, was die vielleicht ungeeignetste Band für jegliche Distanz bei Konzerten zu der Idee brachte: Bierzelt-Shows! Das Backstage München hat mit der Arena Süd ein überdachtes Open Air-Bierzelt mit Biertischen für 400 Leute aufgestellt und die Bulls lassen sich nicht zweimal bitten: die Hully Gully Bierzelt Shows sind geboren. Gleich dreimal geht’s rund, am 4., 5. und 12. September. Wir waren dabei – alle drei Shows.

4. September 2020, 18 Uhr

© Petra Schönberger

Eine kleine Schlange hat sich bereits vor der Arena gebildet. Üblicherweise finden hier Flohmärkte, Fußballübertragungen und andere Events statt, Konzerte bisher aber noch nicht. Auch jetzt dient die Halle einzig für Merchandise, Getränkeverkauf und der Stand des Sponsors Radio BOB. Dahinter: das Bierzelt, die Arena Süd. Ein Meer aus Biertischen zeigt sich da, den Platz wählen kann jeder selbst. Am Tisch warten Registrierungszettel. Die Getränke holt man sich selbst, zumeist stehen Maßkrüge an den Tischen – kein Wunder, haben die Emil Bulls wenige Tage zuvor noch die Maßkrugpflicht ausgerufen. Bevor die zum Einsatz kommt, geben Swan Valley Heights um 19:10 Uhr als Vorgruppe ihr Bestes. Wirklich genug ist das aber nicht: die Musik avanciert zur Hintergrund-Beschallung. Zu lang, zu verzettelt und teils zu ruhig ist der Stoner Rock mit progressivem Touch. Nach höflichem Applaus gehen die Jungs gegen 19:50 Uhr wieder von der Bühne. Das aufgezogene Emil Bulls-Banner prophezeit dann schon den baldigen Start der Headliner des Abends – auch wenn man einzig „mil bull“ lesen kann.

Tatsächlich pünktlich zur Primetime um 20:15 Uhr ertönt das obligatorische „The Crown And The Ring“-Intro, bevor der Vorhang fällt und – fünf Barden in goldenen Glitzeranzügen erscheinen. Ihrem Outfit alle Ehre machend, gibt es erst einmal einen ordentlich Bierzeltschlager: „Aber dich gibt’s nur einmal für mich“. Das Publikum ist irritiert, lacht, singt vorsichtig mit. Wenn da noch mehr kommt, reicht die eine Maß wohl kaum aus. Allerdings drehen die Emil Bulls den Spieß schnell um und brettern lautstark mit „The Reckoning“ in den metallischen und deutlich längeren Teil des Abends. Zwar gibt es zu Beginn noch ein paar Probleme mit dem Sound der Gitarre, aber das wird flott geklärt und ebnet den Weg in ein wildes Best-Of der vergangenen 25 Jahre – von „Smells Like Rock’n’Roll“, der ersten Single unter einem Major-Deal, bis zu „The Ninth Wave“ aus dem aktuellen Album „Kill Your Demons“. Mittendrin gibt es ein paar Raritäten wie „Time“ und „The Saddest Man On Earth Is The Boy Who Never Weeps“, insgesamt aber doch das übliche Programm.

© Petra Schönberger

Verwunderlich ist das nicht, denn – Eigenaussage von Frontmann Christoph von Freydorf – die letzte Probe liegt 10 Monate zurück. Erst mit der Perspektive der Bierzelt-Shows ging es zurück in den Proberaum. Das Resultat kann sich sehen lassen: die Musiker sind tight und fit, die Stimme geölt und tonsicher. Einzig der Sound im Bierzelt lässt die Instrumente manchmal etwas zu sehr matschig klingen, aber da kommen wohl Akustik und Dezibel-Begrenzung kollateral zusammen. Das trinkfreudige Publikum stört sich daran wenig und konsumiert fröhlich weiter. Mehrere Male stimmen die Bulls „Ein Prosit der Gemütlichkeit“ an, stilecht im bayerischen Wiesn-Ansagemodus. Wenn schon, dann richtig! Die Krüge hoch!

Problematischer gestalten sich da liebgewonnene Aktionen wie das In-Die-Knie-Gehen bei „Nothing In This World“ und der Circle Pit bei „When God Was Sleeping“. Freydorf fordert zu beidem auf – und so rennen die wildgewordenen Fans mit Maske um den eigenen Biertisch. Ein irrwitziges Bild und lustiges Alternativ-Unterfangen – allerdings nicht erlaubt. Backstage-Chef Hans-Georg Stocker springt kurz danach auf die Bühne und macht deutlich darauf aufmerksam, dass das aktuell eben nicht geht, nicht einmal mit Maske. Das überrascht etwas, ist aber nur konsequent – diese Aktion dürfte einmalig bleiben. Der kurze Dämpfer zieht sich noch kurz in die Zugaben der Bulls, allerdings finden alle schnell wieder ihre Position im euphorischen Sitzplatz-Jubel, bevor sich mit „Worlds Apart“ das Ende der Setlist ankündigt. Doch nicht dieses Mal! Was wäre so ein Ersatz-Bierfest, wenn es nicht einen gscheiden Schlager als Rausschmeißer gibt. „Sierra Madre“ in der Schürzenjäger-Fassung bringt die Fans erst abermals zum Verdutzt-Gucken, schnell aber zum Mitsingen. Um 22 Uhr ist Schluss. Bis morgen!

Setlist: Aber dich gibt’s nur einmal für mich (Die Flippers cover) / The Reckoning / Hearteater / Not Tonight Josephine / Ein Prosit / Here Comes The Fire / The Most Evil Spell / Time / The Saddest Man On Earth Is The Boy Who Never Weeps / Smells Like Rock’n’Roll / Nothing In This World / Ein Prosit / Between The Devil And The Deep Blue Sea / When God Was SleepingZugaben 1: The Age Of Revolution / Euphoria / The Jaws Of OblivionZugaben 2: Winterblood (The Sequel) / The Ninth Wave / Worlds Apart / Sierra Madre (Schürzenjager cover)

5. September, 18 Uhr

Die Schlange ist länger geworden, was zwangsläufig am Wochentag liegen dürfte. Die große Anspannung weg – den ungefähren Ablauf kennt man ja bereits. Die Kombitickets-Inhaber, wie sich zeigt, sind in der Überzahl, sie rennen auch zielgerichtet auf ihren Platz zu, sodass wieder in rasender Schnelle die Biertische belegt sind. Vorband sind dieses Mal This Is Not An Elephant, über die wir noch Ende Juli euphorisch berichteten. Witzig: der Frontmann von Swan Valley Heights steht auch hier an den Vocals – allerdings nicht mehr sonderlich nüchtern. So großartig wie die Instrumental-Fraktion sich 45 Minuten durch ihre Songs spielt, so schief sind viele Töne und so fragwürdig gestalten sich manche Ansagen. Musikalisch aber definitiv passender als am Vortag – von einem wirklich runden Voract allerdings wirklich weit entfernt. Die Hoffnungen liegen auf Bale an Tag 3!

© Petra Schönberger

Bei den Emil Bulls läuft dafür alles aalglatt. Der Abend, inklusive Schlager-Ein- und Ausstieg, gleicht dem Vorgänger-Abend schon stark, allerdings wandern doch zwei exklusive und lange nicht mehr gehörte Altwerke in die Setlist: „Leaving You With This“ und „Porcelain“. Die laden zum fröhlichen Headbangen ein, wie auch die immer wieder wuchtigen Klassiker von „Here Comes The Fire“ bis zu „The Most Evil Spell“. Jegliche Aufsteh-Interaktion wird dieses Mal aber gestrichen – die gestrigen Masken-Circle-Pit-Ereignisse werden nur leicht als „Skandalkonzert“ humorvoll angeschnitten, für den Rest bleibt es wohl eine einmalige Erinnerung. So gibt es nun eben statt wildem Herumlaufen ein weiteres „Prosit“, was zu mindestens einem weiteren Getränk einlädt. Ein wenig mehr Änderung in der Setlist dürfen die Herren dann aber doch für den dritten Tag vornehmen. Und sowieso: dieses Mal ist schon um 21:55 Uhr Schluss. Oana geht no nei!

Setlist: Aber dich gibt’s nur einmal für mich (Die Flippers cover) / The Reckoning / Hearteater / Not Tonight Josephine / Ein Prosit / Here Comes The Fire / The Most Evil Spell / Time / Porcelain / Leaving You With This / Nothing In This World / Ein Prosit / Between The Devil And The Deep Blue Sea / When God Was SleepingZugaben 1: The Age Of Revolution / Euphoria / The Jaws Of OblivionZugaben 2: Winterblood (The Sequel) / The Ninth Wave / Ein Prosit / Worlds Apart / Sierra Madre (Schürzenjager cover)

12. September, 18 Uhr

Auf ein Neues! Mit einer Woche Abstand fühlt sich das Anstellen in der Schlange zwar nach etwas Vertrautem, aber schon wieder ganz Neuem an. Die (maskierten) Gesichter sind dieses Mal sichtlich andere, wieder reist ein großer Teil von außerhalb Münchens an. Eine Dame setzt sich an den Tisch, sie ist extra aus Köln gekommen. Nach dem Konzert geht es direkt wieder zurück, aber das sei es wert, ist sie sich sicher, noch bevor der erste Ton erklingt. Als Vorband machen es Bale um 19:10 Uhr erst einmal deutlich richtiger als an den vorherigen Tagen – ihr zwar recht eintöniger, aber doch stimmiger Hardcore weiß zu gefallen und die maßkrughaltende Menge langsam aufzuwärmen. Nur der Sound ist doch arg matschig – aber es soll wohl nicht sein. Nach knapp 40 Minuten und einigen ruppigen Breakdowns verabschieden sich die Münchner unter Applaus von der Bühne. Der beste Voract aller drei Tage!

© Petra Schönberger

Wahrscheinlich ist es in Anbetracht des Genres etwas bedenklich, aber schon vor dem Beginn der Emil Bulls erklingen die ersten „Aber dich gibt’s nur einmal für mich“-Gesänge, dem schlageresken Opener der vergangenen zwei Bierzelt-Shows. Und siehe da: auch in der dritten Runde wird auf den schunkelnden Anstich nicht verzichtet. Der Sound präsentiert sich heute laut, kräftig und glasklar – faktisch so, wie es sich gehören sollte. Passend jedenfalls vor allem zu den ganz frühen Songs der Bulls-Diskografie, die sich mit „Leaving You With This“ und „Smells Like Rock’n’Roll“ an diesem Abend präsentieren. Das macht Spaß und lässt auch im dritten Anlauf wieder gute Laune beim abermals auf Abstand rappelvollen Bierzelt entstehen. Im Zugabenblock werden die Songs vertauscht – ein Zeichen für irgendeine Änderung. Und tatsächlich: „Sierra Madre“ rutscht auf einen früheren Posten und den krönenden Abschluss für drei wilde Sitz-Metal-Konzerte im Backstage Bierzelt gibt der Klassiker aller Volksfeste: „Angels“ von Robbie Williams. „Ohne Angels gehma ned hoam“ schallt es schon zuvor vom Nachbartisch.

Ob ein Emil Bulls-Konzert also im Sitzen und auf Abstand funktioniert? Ja! Aber nur mit einer Mass. Here comes the Bayer!

Setlist: Aber dich gibt’s nur einmal für mich (Die Flippers cover) / The Reckoning / Hearteater / Not Tonight Josephine / Ein Prosit / Here Comes The Fire / The Most Evil Spell / Time / Leaving You With This / Smells Like Rock’n’Roll / Nothing In This World / Ein Prosit / Between The Devil And The Deep Blue Sea / When God Was SleepingZugaben 1: Winterblood (The Sequel) / The Age Of Revolution / Euphoria / The Jaws Of OblivionZugaben 2: Sierra Madre (Schürzenjager cover) / The Ninth Wave / Ein Prosit / Worlds Apart / Angels (Robbie Williams cover)

 

Bericht: Ludwig Stadler
Herzlichen Dank an Petra Schönberger von Events For You zur Bereitstellung einiger Bilder!