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Alles oder Nix – SSIO im Zenith (Bericht)

Am Sonntagabend, 22. März 2026, verwandelt SSIO das Zenith in eine grelle, energiegeladene Rap-Bühne zwischen Ironie, Exzess und Publikumseuphorie. Gegen 20 Uhr wird der Bonner Rapper, bürgerlich Ssiawosch Sadat, förmlich auf die Bühne katapultiert: in knallgelbem Outfit, eingerahmt von Sternwerfern, die sofort klarmachen, dass dieser Abend kein leiser  sein wird.

© Josefina Gerstner

Schon mit den ersten Takten tobt die Menge. Das Bühnenbild: zunächst ein überdimensionaler Handyscreen. Ein passendes Symbol für den Social-Media-Ästhetikmix, mit dem SSIO seit Jahren spielt. Als er das erste Mal „jump“ ins Mikro brüllt, folgt die Crowd geschlossen, kaum jemand, der nicht springt. An zusätzlichen Effekten mangelt es nicht: Flammen schießen in die Höhe, Rauch wabert über die Bühne, Tänzerinnen flankieren die Show, und als Krönung thront ab „Hash Hash“ eine riesige, feuerspuckende SSIO-Statue über dem Geschehen. Der Hang zur Selbstüberhöhung gehört bei dem Rapper längst zum Konzept, immer mit einem ironischen Unterton.

Musikalisch ist ein bunter Mix aus seinen bisherigen Alben geboten. Abgesehen von einigen Songs der neusten Platte „Alles oder Nix“ müssen die Fans auch auf keinen  einzigen Klassiker verzichten. Seine Tracks, oft geprägt von reduzierten, basslastigen Beats und markantem Flow, funktionieren live zuverlässig – auch wenn die Abwechslung stellenweise etwas unter der Eintönigkeit der Beats leidet. Für frischen Wind sorgt immerhin eine Begleitung am Schlagzeug, die einzelnen Songs zusätzliche Wucht verleiht.

© Josefina Gerstner

Zwischen den Stücken zieht sich SSIO immer wieder kurz zurück. Diese Unterbrechungen führen zu kleineren, teils spürbaren Stimmungseinbrüchen. Doch die Tiefs sind nur von kurzer Dauer: Jedes Mal, wenn er zurückkehrt, wird er empfangen, als hätte das Konzert gerade erst begonnen. Die Energie im Raum bleibt konstant hoch. Dabei verspricht er, München sei „die krasseste Crowd bisher“, was natürlich wie eine Floskel klingt, aber bei der geballten Stimm- und Sprunggewalt durchaus der Wahrheit entsprechen könnte. Immer wieder heizt der überdimensionierte Marionetten-SSIO das Publikum mit dröhnender Stimme auf, Kreise zu formen. Ein bisschen zögerlich entsteht zu „Testo-E“, einer der wohl wichtigsten Songs, eine Wall of Death die sich sehen lassen kann. 

Einen unerwartet verspielten Moment gibt es bei „Kanalreiniger“: Plötzlich wird ein großes Herz auf die Bühne gerollt, und SSIO wählt zwei Personen aus dem Publikum für eine symbolische Eheschließung. Zwischen Ironie und Kitsch zeigt sich hier die unterhaltsame Seite seiner Performance. Überhaupt lebt die Show von diesem Augenzwinkern. Der Rapper inszeniert sich bewusst übertrieben, manchmal fast karikaturesk. Zeitweise fehlt genau dieser Humor in Form von witzigen Ansagen in den Pausen. 

© Josefina Gerstner

Zum Finale wird es noch einmal spektakulär: Als Zugabe spielt SSIO „Nullkommaneun“. Die Statue dampft dank riesigem Joint aus allen Löchern, dem Zenith scheint es ähnlich zu gehen. Am Ende bleibt ein Konzert, das weniger durch musikalische Vielfalt als durch Energie, Inszenierung und Humor überzeugt.

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