Das Wandern ist des Adels Lust – „Schön ist die Welt“ in der Staatsoper (Kritik)

Das Schöne an den unzähligen Montagsstücken während des Lockdowns: es sind großartige, oft spontane Projekte und Bühnenstücke entstanden. Neben kleinen Operninszenierungen oder Ein-Personen-Werke haben es vor allem Klänge auf die Bühne der Bayerischen Staatsoper geschafft, die man dort sonst weniger vernimmt: Operette. Neben „Die Fledermaus“, die natürlich jährliche im Pflichtprogramm steht, hält man sich sonst zurück und überlässt dem etwas kleineren Geschwisterkind, dem Gärtnerplatztheater, die Musikstücke aus diesem Genre. Im Januar hatte dann aber eine konzertante Version von Franz Lehárs „Schön ist die Welt“ Stream-Premiere – und nach der Wiedereröffnung eignet sich doch genau so ein positives Stück bestens, um dem Publikum präsentiert zu werden. Am 22. und 24. Mai 2021 steht nun also erstmals nach langer Zeit eine Operette auf dem Plan der Bayerischen Staatsoper, die vor Publikum gespielt wird.

© Wilfried Hösl

Nach der ersten Wiedereröffnung 2020 gab es auch bereits unerwartete Aufführungen im Rahmen des „Freien Sonntags“ – vom Schauspiel-Ensemble bis zum Musical-Konzert. Dass es aber auch mit etwas mehr Publikum funktioniert, zeigen die Verkaufsstände der beiden Vorstellungen: ausverkauft. So ist der Saal eben so voll, wie er zu Corona-Zeiten nur sein kann, als um 19:00 Uhr Max Hopp die Bühne betritt,  das Publikum freudig begrüßt und zur Ouvertüre überleitet, natürlich gespielt vom Bayerischen Staatsorchester unter der Leitung von Yoel Gamzou. Konzertant wird Lehárs Operette präsentiert, aber so richtig stimmt das nun auch nicht – wohl eher in Form einer unterhaltsamen Theaterversion, die sich selbst nicht sonderlich ernst nimmt, die Handlung mit einem großen Augenzwinkern betrachtet, aber natürlich dennoch alle relevanten Musikstücke innehat.

© Wilfried Hösl

Die Hauptrolle des Abends spielt Max Hopp: er ist nicht nur Erzähler und situativer Konstrukteur, sondern zugleich Hoteldirektor und König. Sein Rollenwechsel, das gewitzte Vortragen der Anekdoten rund um die Operette und der Handlung als auch der glasklare Gesang wissen vollends überzeugen – obwohl er als ausgebildeter Schauspieler und nicht-klassischer Sänger natürlich heraussticht. Den musikalischen Hauptpart übernehmen Julia Kleiter und Sebastian Kohlhepp als Prinzessin Elisabeth und Kronprinz Georg. Beide sollen miteinander verheiratet werden und weigern sich, treffen sich aber unerwartet bei einer Autopanne und verlieben sich ineinander – ohne die Identität des jeweils anderen zu kennen. Ulkig insofern, dass Georg im dritten Akt einfach nur in anderer Kleidung auftritt und sofort von Elisabeth identifiziert wird. Aber genau solche Momente nimmt die Inszenierung von Tobias Ribitzki mit einer großen Portion Humor – er lässt den Prinzen in einem goldenen Konfetti-Regen auftreten. Dieser Humor ist es, der eine erstaunlich gemütliche Stimmung in der Staatsoper erzeugt: es wird gelacht, auch mal Zwischenapplaus gespendet und mal nicht nur ernst und streng manch handlungsschwangere Oper verfolgt. Erfrischend in jeder Hinsicht.

Musikalisch ist Lehárs Operette zwar nicht annähernd seine erfolgreichste, aber wohl seine komplexeste: neben einigen Ohrwürmern und bekannteren Werken hat er eine doch recht anspruchsvolle Partitur niedergeschrieben, die wohl auch deshalb ein recht seltenes Hören zu verantworten hat. Die Solist*innen machen dem in jedem Fall alle Ehre, es wird lautstark gesungen, selbst in beachtlichen Höhen. Zwar haben Kleiter und Kohlhepp zu Beginn etwas zu kämpfen, gegen das Orchester anzusingen und tatsächlich den gesamten Raum zu füllen, aber im Laufe des Abends bessert sich das – in Theatern dieser Größenordnung gibt es wohl auch wenig Erfahrung mit genau diesen Liedern. Am Ende bleibt ein amüsanter, rund 100-minütiger Abend, der die Operette vielleicht nicht ganz originalgetreu, aber dafür so authentisch und humorvoll wie noch nie wiedergibt. Bei aller Liebe zu Wagner: gerne auch mal mehr hiervon!

Kritik: Ludwig Stadler