Mein lieber Herr Marquis – „Die Fledermaus“ in der Staatsoper (Kritik)

Nein, neu ist „Die Fledermaus“ wahrlich nicht, weder das Stück selbst noch die mittlerweile 22 Jahre alte Inszenierung nach Regisseur Leander Haußmann. Und dennoch wandert die Operette – die einzige im Repertoire der Bayerischen Staatsoper! – konsequent jährlich in den Spielplan zu Silvester und für einige Januar-Vorstellungen. So auch zu Beginn des Jahres 2020 – und abermals sind die Plätze rasend schnell verkauft. Was ist es also, dass diese Faszination auslöst und ohne große Opernstars mehrere Vorstellungen jährlich über zwei Jahrzehnt hinweg füllt? Wir waren am 5. Januar 2020 vor Ort, um uns dem Phänomen anzunähern.

© Wilfried Hösl

Johann Strauß zeichnet sich im Laufe seines Lebens für mehrere Operetten verantwortlich, die zur absoluten Speerspitze des Genres zählen und damit auch den Sprung in die großen Opernhäuser der Welt schaffen, was nur ganz wenigen Operetten vorenthalten bleibt – allein also diese Tatsache macht neugierig. Dass sich mit „Die Fledermaus“ da auch noch das bekannteste Werk von Strauß in der Staatsoper hält, ist ein wahrer Glücksgriff, wie sich im Laufe von dreieinhalb extrem kurzweiligen Stunden zeigen soll. Denn der Grund für den Besucherzulauf ist in allererster Linie: das Werk selbst. Das übliche Verwechslungs- und Verkleidungsspiel wird selten so krude und überspitzt dargestellt, während es dabei zeitgleich nicht an Authentizität und Angemessenheit verliert – denn das Libretto von Richard Genée mag zwar auch bereits über 150 Jahre zählen, präsentiert sich aber textlich immer noch überraschend frisch und gefällig. Und sowohl das wilde Spiel um Eisenstein (Johannes Martin Kränzle) als Herr Marquis mit seiner umgarnten Ungarin, die letztendlich seine Gattin Rosalinde (Annette Dasch) ist, als auch die Geschichte um Stubenmädchen Adele (Sofia Fomina), das von der großen Schauspielkarriere träumt und dabei die höchsten Arien des Abends singen darf, wissen einfach nur zu begeistern – und die Zeit im Flug zu verstreichen.

© Wilfried Hösl

Dabei ist es letztendlich auch der fetzige zweite Akt, die legendäre Feier des russischen Prinzen Orlofsky (genial-überspitzt: Okka von der Damerau), der zur Höchstform ansetzt und das Opernballett des Bayerischen Staatsballetts in rasanten Choreografien, ganz würdig einer vollumfassenden Operette, über die Bühne fegen lässt, während der Chor als Gesellschaft auf der Feier das immer mehr aus der Fassung geratende Versteckspiel der Akteure beobachtet – von Falke (stimmstark: Michael Nagy) eingefädelt und als „Die Rache der Fledermaus“ betitelt, letztendlich eine Retourkutsche für ein vergangenes Fehlverhalten Eisensteins, das er ihm immer wieder vorhält und den Gästen euphorisch erzählt. Besonders elegant fügen sich da die mittlerweile zu Dauergästen eines jeden Arienabends verkommenden Klassiker wie „Mein lieber Herr Marquis“, fantastisch gesungen von Sofia Fomina, ein, die man sonst selten im Kontext erlebt. Auch die Ouvertüre gilt schon fast als eigenständiger Teil, sodass die ersten neun Minuten alleine dem Bayerischen Staatsorchester unter Leitung von Friedrich Haider gebühren, welches zu Beginn und den gesamten Abend hinweg eine beachtliche Leistung vollbringt, angeführt vom enthusiastisch dirigierendem Haider selbst.

© Wilfried Hösl

Aber natürlich ist hier nicht alles wie immer – ganz im Gegenteil. Große Verwunderung gleich zu Beginn: keine Übertitel, weder Deutsch noch Englisch. Das macht bei den gesanglichen Passagen zwar hier und da Schwierigkeiten, insgesamt finden aber so viele Dia- oder Polyloge statt, dass man der Handlung recht problemlos folgen kann, auch ohne sie zuvor gelesen zu haben. Dass die gesprochenen Teile dabei nicht mit Microports abgenommen werden, ist Ehrensache. Das gilt auch für die beiden Spezialgäste an diesem Abend. Im zweiten Akt werden als Orlofskys Gäste die Wellbrüder aus’m Biermoos präsentiert, wenngleich einer der drei Brüder im Stau steckt und kurzerhand durch den Junior ersetzt wird – voller Euphorie, dass nun auch die jüngere Generation der Wells bei Orlofsky zu Gast sein darf. Später im dritten Akt ist Christoph Well an der Trompete doch noch angekommen und spielt im Gefängnisorchester für den Wärter Frosch. Der wird bekanntermaßen von einem Kabarettisten übernommen – und hier konnte die Staatsoper niemand geringerem als Gerhard Polt gewinnen. Der wahrscheinlich kultigste noch lebende Bayer bekommt gut fünfzehn Minuten zu Beginn für ein wenig tagesaktuelles Kabarett-Programm, das Polt tatsächlich auch hierfür wohl neu geschrieben hat – seine Ausführungen zu Verkehrsproblematiken, Umgang mit der Zeit und dem Münchner Wachstum kommen großartig an und werden stark bejubelt. Was deutlich überrascht: sowohl Polt aus auch die Wellbrüder teilen mit vielen Spitzen ordentlich gegen CSU und AfD aus – auf der Bühne des Nationaltheaters. Eine tolle und mutige Entscheidung, die der sonst politisch recht zurückhaltenden Staatsoper erfrischend gut tut!

Kein Wunder also, dass „Die Fledermaus“ bei so unzähligen Gründen immer noch ein vielbesuchter Publikumsmagnet ist – bei so einer grandiosen Inszenierung einer spritzig-witzigen Operette mit bayerischen Kult-Urgesteinen können wir die Wiederaufnahme selbst kaum mehr erwarten!

Kritik: Ludwig Stadler