„Ein Panoptikum von München“ – Markus Stoll & Aris Alexander Blettenberg im Interview
Selten passiert es, dass eine Operette Uraufführung feiert, aber am 28. März 2026 passiert genau das und „Münchner Leben“ erwacht im Prinzregententheater zum Leben. Das Werk, welches sich Jacques Offenbachs „Pariser Leben“ musikalisch und dramaturgisch zum Vorbild nimmt, taucht ein in ein humorvolles und sarkastisch-überzogenes München einer anderen Zeit, voller historischer Persönlichkeit und abwechslungsreicher Musik. Intensiver haben wir vom Projekt der Kammeroper München bereits hier berichtet, nun standen uns Musikalischer Leiter und Arrangeur Aris Alexander Blettenburg und Special Guest Markus Stoll (Harry G) zum Interview Rede und Antwort, was uns denn eigentlich genau bei „Münchner Leben“ erwartet.
Münchner Leben – am 28./29. März, 21./22. & 29./30. April im Prinzregententheater

Kultur in München: Mit „Münchner Leben“ bekommt München endlich eine Operette. In welche Zeit schlüpfen wir hier oder welche Art von München erwartet uns?
Markus: Ich habe die magische Zahl gerade vorher gehört: 1860. Allerdings, um es genau zu sagen, ist es 1866. Sonst wäre ja der Witz schon in Sicht. Vor 150 Jahren etwa, es ist vieles im Umbruch und man könnte sich nie vorstellen, wohin sich die Welt entwickeln würde. Da spielen wir.
Aris: Das Ganze hat auch einen historischen Hintergrund, 1866 war der Preußisch-Bayerische Krieg und die Bayern haben verloren. Das ist der Ausgangspunkt der ganzen Geschichte. Das Ehepaar, Oberregierungsrat Dr. Gröbner mit Frau, kommt aus Berlin in München am Hauptbahnhof an und fällt in die Arme eines Betrügers, Nepomuk, der sich ihnen als Stadtführer anbietet und München zeigt, aber von der absurdesten und irrsinnigsten Seite. Im Prinzip ist die ganze Geschichte ein Betrug, also das, was man in Operetten auch immer wieder findet. Natürlich haben wir auch ein Liebespaar dabei, allerlei Täuschung, Intrige, Geldspiel, am Schluss sind wir auf der Wiesn, zwischendurch mal auf der Roseninsel. Es ist ein Panoptikum von München, von diversen Persönlichkeiten, die damals eben gewirkt haben. Das Fundament ist eine Operette, die es bereits von Jacques Offenbach gibt: „Pariser Leben“. Und das ist sozusagen die Adaption auf München.
Kultur in München: Inwieweit unterscheidet sich jetzt, abgesehen vom Ort natürlich, „Pariser Leben“ vom „Münchner Leben“? Ist es quasi eine reine Adaption, kann man auch andere Werke von Offenbach erwarten?
Aris: Also streng genommen ist es ein Pasticcio. Wir nehmen zu ungefähr zwei Dritteln die Musik von „Pariser Leben“, die sich auch deshalb wunderbar anbietet, weil sie viel Volksmusik enthält, mit Walzer, Polkas, Märschen und zum Schluss sogar einen Jodler. Das ist auch im Original so, es gibt dort eine deutsche Figur und die muss jodeln, ein totales Klischee. Das passt bei uns natürlich perfekt zum Stück. Und das andere Drittel ist zusammengestellt aus verschiedensten Musiken von Offenbach, seinen Operetten und Opern. Beispielsweise brauchten wir Musik, die Richard Wagner in irgendeiner Form abbildet. Den kann man jetzt nicht mit Polka- und Walzermusik unterlegen, der braucht mehr etwas Sphärisches und da haben wir bei Offenbach selbst dann auch was gefunden. Wir bedienen uns da beim ganzen Offenbach-Repertoire, es gibt sogar ein Stück von ihm, „Die Tränen der Jacqueline“, das ist ursprünglich ein Stück für Cello und Klavier und hat Platz gefunden in unserem Pasticcio.
Kultur in München: Markus, du schlüpfst in die Rolle von Wiesnwirt Korbinian Breznknödel. Wundervoller Name.
Markus: Das ist mein echter Name. Markus Stoll ist Harry G, aber Harry G ist eigentlich Korbinian Breznknödel.
Kultur in München: Schauspielerfahrung hast du ja reichlich, wenn auch im Kabarett, aber trotzdem in deiner Rolle Harry G auf der Bühne. Aber ist das hier eine andere Art, an eine Rolle heranzugehen, auch ein anderer Probenprozess? Wie unterscheidet sich das für dich?

Markus: Mit der Bühnenerfahrung, das ist so eine Sache. Habe ich zu Genüge, allerdings mit dem Unterschied, dass ich auf der Bühne allein bin und machen kann, was ich will. Das ist ein anderer Ansatz. Aber ich muss mich auch jetzt nicht unterordnen, im Gegenteil, es ist eine große Hilfe, dass da andere sind. Es ist eine ganz tolle, neue Erfahrung und ich würde es mir immer wünschen, aber das geht als Comedian nicht. Deshalb ist das ein schöner Ausflug.
Kultur in München: Auf deiner eigenen Tour werden ja sonst nur Ton- oder Lichttechniker mit dabei sein.
Markus: Schlimmer noch, die kommen von der Halle. Ich komme allein mit meinem Manager und wir hocken hinter der Bühne und warten nur darauf, dass es losgeht.
Kultur in München: Einfach mal die Kammeroper mit auf Tour nehmen.
Aris: Ja, wir wären dabei (lacht)
Kultur in München: Wie viel von dem München in „Münchner Leben“ steckt noch in München 2026?
Markus: Das kann ich als Wiesenwirt, der „ausgschamt“ versucht, den maximalen Profit zu schlagen, antworten. Und wenn man sich jetzt vorstellt, dass er das 1866 macht, dann überlegt er auf einmal, wie er sie sich die Wiesn 2026 vorstellt. Bei den Fahrgeschäftigen stellt er sich vor, dass sich eine Kabine fünfmal überschlägt, dann stellt sich einen Bierpreis von zwei Mark vor, was natürlich jetzt alles übertroffen ist. Diese ganzen Visionen, die er hat, sind 150 Jahre später ein Fliegenschiss gegen das, was er sich vorstellen hat können. Deshalb steckt wahnsinnig viel drin, nur ist es heute eben viel extremer.
Kultur in München: Eine letzte Frage noch: Was macht, gerade für das Münchner Publikum, die Operette „Münchner Leben“ zum Pflichtprogramm?
Markus: Der Münchenbezug. Das hat es noch nicht gegeben. Und natürlich auch der Wiesnbezug, der ist wahnsinnig lustig. Dort gibt es diesen Effekt, dass es wahrscheinlich genau so vor 150 Jahren war. Wahrscheinlich sind die da genauso gestanden und haben überlegt, wie kann man jetzt möglichst viel verdienen kann. Heute sind es eben keine kleinen Betrüger mehr, jetzt sind es eher Bauunternehmer oder andere Leute. „Münchner Leben“ hat sonst genau das, was die Bayern auch durchaus haben, dieses Über-sich-selbst-Lachen. Ein bisschen Amigo, Vetternwirtschaft und Lausbub-Mentalität. Das hat, glaube ich, einen großen humoristischen Identifikationsfaktor für das Münchner Publikum.
Kultur in München: Vielen Dank für das Interview!
Münchner Leben – am 28./29. März, 21./22. & 29./30. April im Prinzregententheater

