Alles wird vorübergehen – Die Toten Hosen im Olympiapark (Bericht)
Wenn Bands Abschied nehmen, die über Generationen bestehen und auch Generationen verbinden, sind die Reaktionen zahlreich und das Medienecho riesig. Als Die Toten Hosen ihr neues Album „Trink aus! Wir müssen gehen“ als ihr letztes Studio-Album angekündigt haben, war die Überraschung dementsprechend groß. Ob die dazugehörige Tour auch die letzte sein wird, lassen die Hosen offen, hier sei das letzte Wort noch nicht gesprochen, sagt Campino beispielsweise im „Reflektor“-Podcast. Dass die Band aber auf die Zielgerade zusteuert, dürfte klar sein. So sind ihre zwei Konzerte in München am 8. & 9. Juli 2026 auf dem Hans-Jochen-Vogelplatz des Olympiaparks auch ein kleines Goodbye.
Rund 19.000 Personen finden auf dem Vorplatz des Olympiastadions Platz. Natürlich wäre die legendäre Sport- und Konzertlocation der klügere Weg, aber das wird renoviert bis 2028, dementsprechend wird der Hans-Jochen-Vogel-Platz zur zweitägigen Gastspielplattform. Ausverkauft waren die Konzerte erwartungsgemäß schnell, und dank des wunderbaren Wetters kann auch die gewisse Enge, die der Platz mit sich bringt, keine Stimmung trüben. Das Ambiente des Olympiaparks ist ohne Frage idyllisch. Mit Pascow und Donots wird das Konzert sowieso zum kleinen 1-Tages-Festival, dass die Menge gemütlich auf den Hauptact des Abends vorbereitet.

Um 20:35 Uhr starten die Leinwände das Intro, bevor kurz darauf Die Toten Hosen auf die Bühne laufen. Stilecht präsentieren sie ihre Reise mit „Opel-Gang“, dem Titeltrack ihres Debütalbums und seit über 40 Jahren auch ihrem Slogan. Natürlich sind sie nicht mehr die Jungs von früher, das ist allen klar und auch der Band selbst, dennoch schaffen sie es mit einem lauten Opening mit „Wir waren nie weg“, „Auswärtsspiel“ und „Du lebst nur einmal (vorher)“ einen beachtlichen Einstieg, der gleich zu Beginn zeigt: Diese Band ist noch nicht müde und kann weiterhin auf einem absoluten Toplevel über 2,5 Stunden ein Konzert spielen.
Trotz dem starken Fokus auf Nostalgie wandern relativ viele Lieder ihres neuen Albums auf die Setlist, von Singles wie „Die Show muss weitergehen“ bis zum schnellsten Hosen-Song seit Beginn ihrer Karriere, „Schlechte Nachbarn“. Dieser Song beweist auch, dass sich die Hosen nicht nur auf ihre Karriere ausruhen, sondern weiterhin für tagesaktuelle, politische Ansagen steht. Das lässt sich Campino auch in München nicht nehmen, mit sehr deutlichen Worten distanziert er sich von Dobrindts Aussagen zum Abschiebelager in München und gibt dem „Nazis raus“-Rufen angenehm viel Platz, um direkt danach „Willkommen in Deutschland“ zu spielen – ihrem seit 1993 weiterhin brandaktuellen Song über Rechtsruck und dem nötigen Kampf dagegen. Auch in der Zugabe gibt es mit dem Cover von „Schrei nach Liebe“ der Hassliebe-Partnerband Die Ärzte noch einmal Raum für deutliche Aussagen. Laut Campino sei dieses Lied der beste Anti-Nazi-Song, der jemals geschrieben wurde.

Zwar fällt noch ein Punk-Cover von „Forever Young“ in die Setlist, ansonsten wird sich innerhalb der 33 Songs vor allem auf das eigene Repertoire konzentriert – und davon gibt es nicht zu wenig. Die Band hat so einen riesigen Hit-Katalog, von Klassikern wie „Hier kommt Alex“, „Wünsch DIR was“ oder „Alles aus Liebe“ bis zu neueren Hits wie „Wannsee“ oder „Tage wie diese“, allein dadurch füllt sich die Setlist von allein. Dennoch wandern am ersten der beiden Konzerttage ein paar selten gespielte Deep Cuts in die Setlist: „Helden und Diebe“, „Mehr davon“, selbst das altgediente „Eisgekühlte Bommerlunder“ flattert auf Publikumszuruf ins Programm. Schöner Moment: Inszenierte Bengalos bei „Pushed Again“, die besonders aus der Perspektive des Olympiabergs, auf dem traditionell reichlich Zuhörer*innen zu Gast sind, besonders beeindruckend sein dürften. Kurz nach 23 Uhr, nach 150 Minuten-Konzert, verabschiedet sich das Fünfergespann – ergänzt durch Piano-Ergänzung Jet Baker von Buster Shuffle – unter riesigem Jubel vom Münchner Publikum. Was für ein Konzert, was wahrlich nicht das Letzte sein darf.
Setlist: Opel-Gang / Die Show muss weitergehen / Wir waren nie weg / Auswärtsspiel / Du lebst nur einmal (vorher) / Laune der Natur / Lass mal nicht machen / Das ist der Moment / Altes Fieber / Schlechte Nachbarn / Wannsee / Liebeslied / Willkommen in Deutschland / Alle sagen das / Draußen vor der Tür / Steh auf, wenn du am Boden bist / Bonnie & Clyde / Helden und Diebe / Was früher einmal war / Alles aus Liebe / Pushed Again / Wünsch DIR was / Hier kommt Alex – Zugaben 1: Forever Young (Alphaville Cover) / Zehn kleine Jägermeister / Tage wie diese – Zugaben 2: Alles wird vorübergehen / Schrei nach Liebe (Die Ärzte Cover) / Schönen Gruß, auf Wiederseh’n – Zugaben 3: Eisgekühlter Bommerlunder / Freunde / Mehr davon / You’ll Never Walk Alone



