Der Kampf um die Rechte – „Bayerische Suffragetten“ in den Kammerspielen (Kritik)

Es ist Pride Month. Jedes hippe Unternehmen hat das eigene Logo mit Regenbogenfarben aufgepeppt, selbst die Münchner Verkehrsbetriebe haben jeden Bus mit einem bunten Fähnchen ausgestattet. Da ist ein Stück über Gleichberechtigung ja quasi Pflichtprogramm, möchte man meinen. Doch statt pauschal über Unterdrückung und Queerfeindlichkeit in dieser, unserer patriarchalischen Gesellschaft zu schwadronieren, präsentieren die Münchner Kammerspiele einen Rückblick auf erste Initiativen der Gleichberechtigung, als von Equal Pay und Quoten in Vorständen noch lange keine Rede sein konnte.

© Julian Baumann

Bayrische Suffragetten gibt dabei aufregend und unterhaltsam, aber zugleich keineswegs oberflächlich einen Einblick in den Kampf einer Gruppe couragierter Frauen vor mehr als 150 Jahren. Jessica Glause inszeniert überlieferte Texte wie Tagebucheinträge und Briefe kombiniert mit einer lockeren Erzählung der damaligen Ereignisse. Die Basis der Frauenbewegung bilden zwei engagierte junge Frauen, die sich gemeinsam entscheiden, mit dem neuen Medium Fotografie eine Existenz aufzubauen. In der Art wie Anita Augspurg (Annette Paulmann) und Sophia Goudstikker (Katharina Bach) das gemeinsame Vorgehen in der Auswahl von Metier und Ort beschreiben, möchte man 2021 die strategische Marktrecherche eines ambitionierten Gründer*innenteams erkennen. Auch leben die beiden nicht in der Ehe mit ihren Männern, zu damaliger Zeit eine gesellschaftliche Pflichtveranstaltung, sondern sind miteinander liiert.

© Julian Baumann

Abwechselnd führt der Abend durch den chronologischen Verlauf der Ereignisse, setzt diese mit Fakten und Zahlen in einen historischen Kontext und versetzt sie mit Sound, Kostüm, Bühnenbild und Songs zugleich ins Jahr 2021.

So schwierig dieser Spagat klingt – er funktioniert ganz ausgezeichnet. Man wird mitgerissen von der Aufbruchsstimmung, als das Fotoatelier Elvira zum place to be für das moderne Münchens wird. Man ist richtig empört, als sich die Frauen darüber aufregen, dass zur damaligen Zeit die Gründung von Vereinen durch Frauen untersagt war. Man ist schadenfroh, als Anita Augspurg das Jurastudium gelingt, obwohl Frauen an deutschen Universitäten zu diesem Zeitpunkt nicht zugelassen waren. Die verschiedenen Akteurinnen übermitteln sowohl ihre persönlichen Schicksale als auch die gesellschaftlichen Herausforderungen, mit denen man sich konfrontiert sah, dadurch transportiert die Inszenierung einen Gesamteindruck dieser Bewegung, der durch das bloße Nacherzählen der historischen Abläufe nie verständlich gemacht werden könnte. Man kann inhaltlich folgen, wird zu nachdenken angeregt und zugleich hervorragend unterhalten! Diese Gratwanderung gelingt am Theater selten so gut und verdient großen Respekt.
Der Grund für den Erfolg liegt nicht nur in Regie und Dramaturgie, vor allem die großartige Besetzung ist zu unterstreichen! Selten wurde in München mit einem so diversem Ensemble gespielt – und es funktioniert ausgezeichnet. Die Darsteller*innen sind konsequenterweise zum großen Teil weiblich gelesen, doch mit Thomas Hauser wird klar, dass weder heutige Vielfalt noch die damalige Frauenbewegung ohne männlich gelesene Personen auskommt, damit nicht genug, denn auch PoC oder Darsteller*innen mit Migrationshintergrund landen nicht in klischeehaften, plumpen Nebenrollen, sondern werden vollkommen gleichberechtigt zum Protagonisten-Frauen-Duo inszeniert.
Besser kann Theater also nicht laufen, sowohl inhaltlich als auch formell liefern die Kammerspiele im Thema Repräsentation und Gleichberechtigung hier voll ab. Dazu kommt, dass sich der Abend mit einer aufregenden Bühne, passender Musik und einer runden Gesamtästhetik einfach harmonisch zusammenfügt zu einem, ganz klischeehaft, Gesamtkunstwerk. Genau so sollten gesellschaftlich relevante Themen immer an eine breite Öffentlichkeit getragen werden!