Indie & Alternative,  Konzerte

Oft gefragt – AnnenMayKantereit in der Olympiahalle (Bericht)

Es gibt Bands, bei denen man sich irgendwann fragt, wann aus dem Konzert eigentlich ein Großereignis geworden ist. Bei AnnenMayKantereit lässt sich dieser Moment ziemlich genau datieren: nicht etwa dann, als die ersten Platten die Charts eroberten, und auch nicht bei den ersten ausverkauften Stadien, wie in Köln, sondern schon vor über zehn Jahren, als eine Band, die einmal als Straßenmusikprojekt dreier Kölner Schüler begann, schlagartig zum Phänomen wurde. Nach ihren Konzerten 2023 kehrt das Trio nun 2026 für gleich drei Konzerte zurück in die Münchner Olympiahalle – am 15., 16. & 18. September 2026.

Bereits vor über einem Jahr gingen die Konzerte in den Vorverkauf, die Vorfreude in der Halle ist dementsprechend riesig. Dennoch lassen es Ami Warning als Support und später gegen 21 Uhr AnnenMayKantereit recht ruhig angehen. Teilweise spielen sie als gewohntes Trio aus Henning May am Gesang, Christopher Annen an der Gitarre und Severin Kantereit, dann kommen aber auch immer wieder Streicher und Bläser dazu, die manchen Songs eine stärkere Tiefe und Intensität verleihen. Das Konzept sind sie bereits vergangene Tour gefahren, als sie erstmal den Sprung in die ganz großen Arenen und Open-Air-Locations gewagt haben. Passiert ist seitdem wenig, auch ein neues Album ist nicht erschienen. Vom Ausverkauf hält es die Konzerte aber nicht ab.

© Martin Lamberty

Das ist vielleicht die auffälligste Eigenschaft dieses Konzerts: Dieses Publikum ist nicht gekommen, um sich selbst zu feiern. Es ist gekommen, um zuzuhören. Die Songs werden nicht einfach konsumiert, sondern mitgesungen, wiedererkannt, erinnert. AnnenMayKantereit haben inzwischen genügend Hits, um eine Halle dieser Größe problemlos mit bekannten Melodien zu füllen. Und genau darin liegt die Schwierigkeit: Wie hält man eine Band lebendig, deren Publikum viele Lieder längst auswendig kennt? Die Antwort lautet: Man spielt sie. „Marie“, „Nur wegen dir“, „Wohin Du gehst“ und „Vielleicht Vielleicht“ stehen früh im Programm, später folgen „Pocahontas“, „Oft gefragt“ und das mittlerweile abgelaufene „21, 22, 23“. Die Dramaturgie setzt weniger auf Überraschung als auf Vertrautheit: Vom letzten Konzert unterscheidet sich dieser ganze Abend minimal, nur Bühnenbild und Setlist sind marginal anders. Dennoch funktioniert genau das erstaunlich gut.

AnnenMayKantereit singen nicht von den großen Menschheitsfragen. Sie singen vom Weggehen, vom Vermissen, vom Nachhausekommen, von Beziehungen, die zu Ende sind oder vielleicht nie richtig angefangen haben. Von Eltern. Von Nächten, an denen man nicht schlafen kann. Von Menschen, denen man eigentlich längst nicht mehr schreiben sollte und es dann doch tut. Das klingt banal, bis mehrere tausend Menschen gleichzeitig feststellen, dass sie genau wissen, wovon gesungen wird. Und vielleicht ist es genau das, was diese Band auch 15 Jahre nach ihren ersten Veröffentlichungen so relevant hält, auch wenn die letzten Hits schon etliche Jahre zurückliegen. Wenn Henning May ans Klavier wandert und das unverwechselbare „Barfuß am Klavier“ zum Besten gibt, funktioniert es jedenfalls immer noch. Und wird es wohl auch nächste Tour. Nach rund 90 Minuten verabschieden sich AnnenMayKantereit mit „Ausgehen“ vom Münchner Publikum – zumindest vorerst, zwei Tage später stehen sie ja schon wieder auf der Bühne der Olympiahalle.

Setlist: Marie / Nur wegen dir / Wohin du gehst / Lass es kreisen / Vielleicht Vielleicht / Komm zu mir / Pocahontas / Oft gefragt / Ozean / Als ich ein Kind war / Kleine Wolken / Du bist anders / 21, 22, 23 / Jenny Jenny / Valerie / 3 Tage am Meer / Ich geh heut nicht mehr tanzenZugaben: Barfuß am Klavier / Tommi / Ausgehen

WordPress Cookie Plugin von Real Cookie Banner