Nimm mich mit – Killerpilze im Backstage (Bericht)

15 Jahre ist ein ansehnliches Alter und allemal ein Jubiläum, das sich zu feiern lohnt. Wenn es sich aber wie bei der Band Killerpilze um drei Jungs in ihren besten Zwanzigern handelt, könnte man kurzzeitig zu Schmunzeln anfangen. Gerade einmal neun Jahre alt ist beispielsweise Schlagzeuger Fabian Halbig bei der Gründung, und so folgt eine Karriere, die von Höhen und Tiefen geprägt sein sollte, und nun, nach fünfzehn Jahren, beim ausverkauften Jubiläumskonzert in der Münchner Backstage Halle mündet. An diesem erstmals schneeweißen Samstagabend, 16. Dezember 2017, haben sich außerdem FAMP aus Wien und die Münchner Rock-Pioniere von Vertigo eingefunden, um das Programm dementsprechend zu komplettieren.

Vertigo selbst legen um 19:30 Uhr los, ohne Ansage, einfach auf die Bühne und spielen. Allgemein sollte sich der gesamte Auftritt so gestalten, dass man ziemlich auf Ansagen verzichtet und lieber die Musik sprechen lässt – und das ist auch die absolut beste Entscheidung, denn jeder Song der Gruppe, irgendwo zwischen Alt- und Progressive-Rock, fesselt und lässt einen nicht mehr aufhören, zuzuhören. Die Spuren sind so fein auskomponiert, die Melodien so wuchtig, das Gesamtpaket allgemein einfach so mächtig, dass man gleich zu früher Stunde eine ordentliche Portion großartiger Musik verdauen darf. Dabei ist, auch wenn der Sound insgesamt sehr gelungen ist, leider wie so oft das Mikrofon ein wenig zu leise, was weniger stört, da die Stimme, wenngleich auch nicht schlecht, wohl noch das am wenigsten außergewöhnliche sein dürfte. Nach 30 Minuten ist der Auftritt leider schon wieder vorbei und tatsächlich hätte man sich hier gewünscht, dass ein Opener doch einmal etwas länger hat als die obligatorische halbe Stunde.

Setlist: Cut It Out / Skin / California / Smothering Grey / Yen Shee Suey / Everything / Shades Of Days

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Etwas länger haben davor die zweiten im Bunde der Supports: FAMP. Die Österreicher betreten die Bühne und bekommen bereits Jubel-Heere entgegengebracht – schließlich ist das bereits ihr dritter Auftritt beim Killerpilze-Heimspiel, sodass die Jungs altbekannte Gesichter beim Publikum sind. Dementsprechend gefeiert werden „Giants“ und „Spaceship Under Your Ceiling“, zwei mitreißende Einstiegsnummern. Im gemütlichen Indie-Rock bestehen auch definitiv ihre Stärken, was sich vor allem immer dann zeigt, wenn die Geschwindigkeit massiv gedrosselt wird und Songs wie „Piece Of Your Heart“ auf CD wunderbar funktionieren, aber live einfach zu wenig Esprit haben. Dass die Wiener aber auch ganz große Melodien im Repertoire haben, die weit über Indie-Grenzen Potential haben, zeigt der Song „Can You Remember“. Die bombastische Hymne markiert fraglos eines der Highlights des Auftritts. FAMP zeigen sich äußerst dankbar, dass die Killerpilze sie oft mit auf Tour nehmen und fördern, und so ist auch der kurze Gastauftritt von KP-Sänger Jo Halbig fast schon eine obligatorische Förmlichkeit. Nach der Zugabe „Move On“ war es dann allerdings doch nach knappen 50 Minuten Zeit, die Bühne für die Geburtstagskinder des Abends freizumachen.

Setlist: Giants / Spaceship Under Your Ceiling / Heart In A Hurry / Peace Of Your Heart / Can You Remember / In Love With A Feeling / Far Away = Everywhere / Ticket To The Stars / Running Over Water Zugabe: Move On

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Als wachsamer Musik-Verfolger muss man innerhalb der letzten 15 Jahre irgendwann über die Killerpilze gestolpert sein, und sei es nur in der Hochphase um 2006 gewesen. In München sieht die ganze Situation noch einmal anders aus, denn wenn man Emil Bulls als Münchner Metal-Aushängeschild bezeichnet, gelten die Pilze mindestens als Rock-Instanz der Landeshauptstadt. Zwar sind die Jungs ursprünglich aus dem unweit gelegenen Dillingen an der Donau, aber inzwischen alle Richtung oder direkt nach München gezogen. Dass sie diese Zeit von damals aber noch einmal etwas aufleben lassen, war bereits vorab das Credo des Abends; dementsprechend startet das Set mit „Richtig Scheiße“ und „Liebmichhassmich“, zwei uralten Punk-Songs aus der damaligen Major-Label-Zeit. Ab dem ersten Ton kocht die Stimmung, was zwangsläufig sicher auch am wirklich flotten Einstieg liegen mag, denn auch die folgenden Nummern treiben die Tanzwütigen weiterhin zu Höchstleistungen. So verwundert es auch kaum, dass Bassist und Frontmann Jo Halbig kurzerhand bei „Rendezvous“ ein Bad in der Publikumsmenge nimmt und von der oberen Galerie herunterspringt.

Keine Frage, die Band gibt alles. Dabei ist das genau ein großes Merkmal, dass sie definitiv auszeichnet, denn völlig egal, ob kleineres Stadtfest oder eben ausverkauftes Jubiläumskonzert – die Killerpilze geben immer 100% und hinterlassen ohne Ausnahme ein glückliches und zufriedenes Publikum. Besonders glücklich dürften die Anhänger der allerersten Stunde über „Rockstar“ und „Blümchensex“ sein, aber auch über die lange nicht mehr gehörten „Plastik“ und „Am Meer“, die beide auf ihre Art so eine Energie entfachen, dass man sich fragt, wieso genau die Lieder jemals aus der Setlist geflogen sind. Ganz besonderes Highlight: „Letzte Minute“. Wie viele sind mit jungen Jahren nicht vor VIVA gesessen und haben das Video zum emotionalen Song gesehen? Und dieses Gefühl wiederzubeleben – es wäre eine Lüge, wenn man es nicht als ein kleines bisschen Magie bezeichnen würde.

Als die Band plötzlich in die Menge zieht, um „SchneeSonneSchnee“ und „Besser“ vollkommen unplugged, also ohne Verstärkung, zu spielen, sind sicherlich nicht wenige in der Backstage Halle überrascht. Ein wenig schade, dass auf Aufforderung nicht einfach wirklich alle einmal ruhig sein können, sodass man es auch versteht, stattdessen reden manche lautstark weiter. Das hat bei Milky Chance in Muffathalle besser funktioniert.
Vor dem Song „Immer noch jung“ setzt Sänger Jo zu einer längeren Ansage an, in der er sich bei allen bedankt, die die Band bei ihrer Reise unterstützen. Emotional wird es, als er sich bei seinen Bandkollegen bedankt, seinen beiden Brüdern (auch wenn grob genommen nur Schlagzeuger Fabian Halbig sein leiblicher ist, aber Gitarrist Mäx Schlichter selbstredend „brother from another mother“). Die Jungs hängen sich in den Armen und jedem im Publikum ist klar: diese Reise ist noch lange nicht zu Ende. Sie hat gerade erst angefangen.

Setlist: Richtig Scheiße (auf ´ne schöne Art und Weise) / Liebmichhassmich / Drei / High mit dir / Grell / Rendezvous / Rockstar / Blümchensex / Nimm mich mit / Sommerregen / Jubel und Staub / H.E.A.R.T. / Plastik / Am Meer / Immer noch jung / Letzte Minute / Die Stadt klingt immer noch nach unsZugaben 1: SchneeSonneSchnee (unplugged) / Besser (unplugged)Zugaben 2: Springt hoch / Komm Komm.com / Ich kann auch ohne dich

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Bericht: Ludwig Stadler
Fotos: Ronja Bierbaum