Little White Lies – grandson im Kesselhaus (Bericht)
Im neu renovierten Kesselhaus wurde am Tourauftakt der europäischen INERTIA Tour 2026 von grandson schnell klar: Dieses Konzert ist mehr als nur ein musikalisches Ereignis. Diese Show ist ein politisches Statement, ein Safe Space und eine kollektive Entladung von Wut, Hoffnung und Solidarität. All das zeigt er am 29. Januar 2026 in München.

Schon früh macht der aus Los Angeles stammende Jordan Benjamin unter dem Namen grandson deutlich, worum es ihm geht. „This is an exercise for the empathy“ ruft er bereits zu Beginn der Show ins Publikum und fordert damit Rücksichtnahme und Einfühlungsvermögen für andere Konzertbesucher:innen. Moshpits und Crowdsurfen sind ausdrücklich erwünscht, aber immer mit einer eindringlichen Bitte, aufeinander zu achten. Immer wieder ruft er auf Deutsch „Lasst uns rocken“, das Publikum folgt seiner Aufforderung bedingungslos. Es ist sein erstes Mal in München als unabhängiger Künstler, und man spürt, wie viel ihm dieser Moment bedeutet. Er spricht davon, wie sehr es ihn ehrt, „so weit von zu Hause zu sein und sich trotzdem zu Hause zu fühlen“. München sei einer seiner Lieblingsorte auf der Tour.

Das gesamte neue Album INERTIA wird live gespielt, kompromisslos, laut, politisch und emotional. Was bereits auf der Platte ein Inferno aus Emotionen bereithält, wächst live noch einmal über sich hinaus: Das Zusammenspiel aus Benjamin und seinen Bandkollegen ist elektrisierend und entfesselt eine packende Dynamik im Kesselhaus, die kaum gebändigt werden kann. Die Show ist geprägt von einer immensen Energie, auf der Bühne wie im Publikum. Bass und Gitarre drücken brutal, die Riffs sind massiv, die Chemie zwischen den Bandmitgliedern explosiv. Bei „Overdose“ öffnen sich Kreise im Publikum, ein Circle Pit entsteht, später steht die Band selbst mitten in der Crowd, während sich um sie herum der Moshpit dreht: Ein starkes Bild für Nähe und Gemeinschaft, das der Sänger immer wieder anpreist.
grandson nutzt die Bühne konsequent für politische Botschaften. Das Kesselhaus wird zum antifaschistischen Raum. Schilder mit „Fuck ICE“ gehen durch die Menge, klare Statements gegen Donald Trump, Elon Musk und die Zustände in den USA werden laut ausgesprochen. Er macht immer wieder auf soziale Missstände aufmerksam, nimmt sich bewusst Zeit, um Randgruppen Sichtbarkeit zu geben. Besonders eindrücklich: Die Geschichte seiner geplanten Tourpartner, die in den USA kein Visum bekamen, weil sie sich öffentlich gegen den Genozid in Gaza ausgesprochen hatten. Musik wird hier klar als politisches Werkzeug verstanden.

INERTIA funktioniert live genau so, wie es gedacht ist: als Mischung aus Aggression, Katharsis und kollektiver Solidarität. Die Songs sind nicht nur laut, sie sind Aufrufe zur Bewegung, zum Denken, zum Handeln. grandson spricht von „resisting to art in 2026“: Widerstand als Kunstform, Kunst als Widerstand. Sein Konzert im Münchner Kesselhaus ist kein gewöhnlicher Gig. Es ist ein politischer Raum, ein Safe Space, ein Ort für Emotionen, Solidarität und kollektiver Energie. Zwischen Circle Pits, Crowdsurfing, antifaschistischer Statements und leuchtenden Handylichtern entsteht etwas, das über Musik hinausgeht. Und im Zentrum dessen ein Künstler, der zeigt, dass Alternative Rock 2026 nicht unpolitisch sein kann – und nicht sein darf.
Setlist: Autonomous Delivery Robot / Bury You / We Did It!!! / Oh No!!! / Bells Of War / Stigmata / God Is An Animal / Pull The Trigger / Darkside / Overdose / 6:00 / Little White Lies / Self Immolation / Masters Of War (Bob Dylan cover) / Brainrot / Who’s The Enemy / Pain Shopping / Heather / Drones / You Made Me This Way / Blood//Water
Bericht & Fotos: Josefina Gerstner


