So soll es sein – Faber in der TonHalle (Bericht)

Am 11. März 2020 trat das Veranstaltungsverbot, bedingt durch den Coronavirus, in Kraft – das war auch das Datum, an dem Faber in der TonHalle sein damals neues Album „I Fucking Love My Life“ präsentiert hätte. Natürlich konnte er nicht auftreten, auch an den angesetzten Verschiebeterminen nicht – aber nun kommen die Konzerte endlich zur Aufführung. Ein Triple ist es mittlerweile geworden – der 23. August 2022 ist frisch angesetzt, der 24./25. August besteht aus Nachholterminen. Doch auch der neue Startschuss-Termin ist ausverkauft und die Menge trudelt langsam, aber konsequent in die Halle des Werksviertel Mitte ein.

Ansa Sauermann 2017 in München

Den Support-Slot übernimmt der Wahl-Wiener Ansa Sauermann, der bereits seit Jahren in der Indie-Szene für stetig guten Liedercontent sorgt, aber einfach nicht den großen Durchbruch damit schaffen will. Eventuell gelingt es aber mit den neuesten Werken des kommenden dritten Albums, mit denen er seinen Auftritt, nach kurzer Ankündigung von Faber höchstpersönlich, startet. Besonders das solistisch dargebotene „B-Seiten“ überzeugt vom ersten Ton an, aber auch gemeinsam als Trio-Band bringen sie erste Besucher*innen zum Tänzeln, sei es mit „Al Pacino“, „Geist“ oder das kurze und fetzige „Kopf aus“. Sauermann tritt sympathisch auf, ein wenig verpeilt, aber stets glücklich, diese drei Abende in München mitgestalten zu können. Fast schade, dass er sich bereits nach 40 Minuten und seinem seit Jahren extrem starken Song „Reise“ verabschiedet. Wie auch schon 2017 im Muffatcafé – ein grandioser Live-Musiker mit ebenso grandioser Band.

Setlist: B-Seiten / Neuer Song / Palermo / Weniger laut / Kopf aus / Geist / Al Pacino / Reise

Dass es dieses Mal kein Standard-Indie-Konzert werden dürfte, könnte einerseits bereits die Musik von Faber verraten, die eine irre Bandbreite abdeckt, andererseits ist es spätestens dann klar, als Piano und Cello um 20:45 Uhr die Bühne entern und kammermusikalische Werke von Bach darbieten. Das hinterlässt nicht wenige Fragezeichen bei den rund 2.000 Personen, aber als um 21 Uhr dann die Hauptperson des Abends „Highlight“ anstimmt und der Vorhang den Blick frei gibt auf die Rosenlandschaft auf der Bühne, ist das Gejubel groß. Zu fünft stehen die Herren auf der Bühne, teils wechselnd zwischen Piano, Gitarre, Bass, Posaune, Cello und Schlagwerk. Nur Faber selbst bleibt der Akustik-Klampfe treu, legt sie aber manchmal auch weg, um sich voll auf den Gesang zu konzentrieren. Damit streifen sich die Musiker durch das schier endlose Set, wild wechselnd zwischen Uptempo-Indie-Nummern und langsamen, cellolastig inszenierten Balladen.

© Peter Kaaden

Der große König der Konzertdramaturgie wird Faber nicht, dafür gestaltet er zu viele Höhen und Tiefen in seiner Spielzeit – das dauerhafte Mitreißen gelingt ihm nicht wirklich. Das tut der musikalischen Qualität aber keinen Abbruch, denn auch Endlos-Lieder wie „Brüstebeinearschgesicht“ sind, vom Stroboskop-Overkill abgesehen, musikalische Highlights des Abends. Einen Bruch schafft der Schweizer aber doch an zwei Stellen. Das erste Mal während seines Solo-Parts inmitten des regulären Konzertsets, bei dem u.a. „Das Boot ist voll“ und „Ihr habt meinen Segen“ auf dem Plan stehen, das zweite Mal im schier endlosen Zugabenblock, der zwar schleppend und zäh beginnt, aber im etwas unkoordinierten Spielen von Publikumswünschen mündet. Bei beachtlichen 140 Minuten Konzertlänge sind aber auch solche Ausbrüche absolut legitim – und die Fans, die bis zum Schluss durchhalten, werden mit lange nicht mehr gespielten Songs wie „Züri“ belohnt. Ein fairer Deal!

Julian Pollina selbst, wie der Sänger bürgerlich heißt, präsentiert sich stimmlich in Höchstform, hält bis zum letzten Ton problemlos durch, spielt sich sichtlich freudig durch seine eigene Diskografie und ertrinkt gelegentlich ein wenig in der Euphorie seiner eigenen Melodien – zumindest torkelt er mit der Länge des Konzerts immer mehr glückstrunken auf der Bühne herum, was im Zugabenblock dann auch im oberkörperfreien Rumgeknutsche mit Bandmitgliedern mündet. Ekstase auf der Bühne, zeitweise vor der Bühne – was soll man mehr von einem Konzert erwarten? Um 23:20 Uhr verabschiedet sich Faber energetisch mit „Tausendfrankenlang“ final von seinem Publikum. Immerhin nicht von München – direkt am Folgetag geht es weiter in der TonHalle.

Setlist: Highlight / Es könnte schöner sein / Jung und dumm / Das Leben sei nur eine Zahl / Van Noten / De Tüfel het viel Gsichter / In Paris brennen Autos / Caruso / Ihr habt meinen Segen / Sei ein Faber im Wind / Das Boot ist voll / Widerstand / Sag mir wie du heißt Pt 1 / Generation YouPorn / Nichts / Brüstebeinearschgesicht / Ouverture / Wem du’s heute kannst besorgen / Vivaldi / Das Letzte / Alles Gute  – Zugaben: Coda / Nie wieder / Komm her / Wer nicht schwimmen kann, der taucht / J’ai toujours rêvé d’être un gangster / Züri / Top / So soll es sein / Tausendfrankenlang

Bericht: Ludwig Stadler