König der Nachbarschaft – Ennio im Zenith (Bericht)
Im Münchner Zenith fühlt sich an diesem Donnerstagabend vieles nach Heimspiel an. Schon im Vorprogramm wird deutlich, dass die Crowd bereit ist, sich auf einen besonderen Abend einzulassen. Nach dem Opener Fyne betritt Cordoba78 die Bühne: ein im Internet polarisierendes, beinahe satirisch anmutendes Phänomen, im Zenith allerdings eher gelassen aufgenommen. Die Stimmung ist zunächst vorsichtig, aber sie kippt schnell ins Positive: Trotz gemischter Erwartungen kommt Bewegung in die Halle.
Pünktlich um 21 Uhr beginnt schließlich das Set von Ennio. Das Bühnenbild: ein riesiges Haifischgebiss, das über der Band thront. Auf den ersten Blick wirkt die Inszenierung reduzierter als bei seiner ausverkauften Zenith-Show 2024. Doch der minimalere Rahmen passt zu der Nähe, die Ennio an diesem Abend sucht. Der Münchner zeigt sich sichtlich dankbar, für seine Fans und für die Möglichkeit, in seiner Heimatstadt zu spielen. Immer wieder betont er, wie viel ihm dieser Abend bedeutet. Diese persönliche Note zieht sich durch das gesamte Konzert und sorgt für viele intime Momente zwischen Bühne und Publikum.
Musikalisch setzt Ennio vor allem auf vertrautes Material. Die Setlist besteht überwiegend aus bekannten Songs, überraschend wenige Stücke stammen aus seinem neuen Album Haifischbecken. Die Platte ist ohnehin ein Sonderfall: Statt auf Streamingdiensten erschien sie ausschließlich physisch auf kleinen NFC-Chips, eine bewusste Absage an Plattformen wie Spotify oder Apple Music. 5.000 dieser Chips waren innerhalb von elf Minuten ausverkauft. Die Erlöse fließen laut Ennio in Musikprojekte und Instrumente für Schulen.
Im Zenith zeigt sich allerdings auch die Kehrseite dieses Konzepts: Die meisten neueren Songs kennt das Publikum schlicht noch nicht. Während die Klassiker sofort zünden, reagieren viele bei den frischen Tracks noch vorsichtig. Trotzdem entstehen immer wieder besondere Momente. Bei „Die Jungs“ heben Fans kleine Papierherzen in die Luft, eine einfache, aber berührende Geste. Insgesamt braucht die Halle eine Weile, um richtig warm zu werden. Erst nach einem ruhigeren Akustik-Set schleicht sich langsam der gute Vibe ein. Von da an wirkt die Stimmung zunehmend ansteckend.
Ein besonders ungewöhnlicher Moment entsteht rund um die Demo „Barcelona“. Zunächst wird sie nur kurz angespielt, danach beginnt Ennio gemeinsam mit Hilfe der Crowd und einer Jukebox, den Song live zu „produzieren“, ähnlich, wie es im Studio passieren würde. Die Idee ist spannend und passt zu seinem Konzept eines Albums, das sich ständig weiterentwickelt. Allerdings zieht sich die Produktion etwas zu lange, wodurch die Interaktion kurzzeitig ins Stocken gerät.
Spätestens bei „Unendlichkeit“ ist das vergessen: Ennio steigt ins Publikum und singt mitten in der Menge. Die Atmosphäre wird immer wärmer, und man merkt ihm an, wie viel ihm diese Show bedeutet. Für die Zugabe dürfen sich die Fans wieder auf altbekannte Klassiker freuen, die Mischung aus emotionalen Balladen und tanzbaren Popsongs hebt die Atmosphäre ins wortwörtliche Zenit. Zum Abschluss läuft „Dance with Somebody“ von Mando Diao, diesmal jedoch nur vom Band und nicht wie üblich von Ennio gecovered, leider ein recht unpersönlicher Abschluss einer sonst so nahbaren Show. Der Abend im Zenith zeigt damit unterschiedlichste Facetten von Ennio: den Musiker, der mit ungewöhnlichen Ideen gegen die Logik der Streamingindustrie arbeitet – und den Künstler, der auf der Bühne vor allem Nähe zu seinem Publikum sucht. Manchmal braucht es dafür einfach nur ein Haifischgebiss, ein paar Papierherzen und ein Heimspiel in München.

Setlist: Haifischbecken / Wand / Isar / Utopie / Freister Mensch der Welt / Rimini / Tabu / Goodbye Hotel Sahara / 2 Teile / Ohne Dich / Die Jungs / Am Ende dieses Lieds / Blitzlicht / Rettung / Strategie / Drachenfrucht / Barcelona (Demo) / Barcelona (Studio Session) / Fühlst du gar nichts? / Unendlichkeit / Nichts Mehr / Nirvana / Kippe / Zeit / König der Nachbarschaft / Dance with Somebody (Mando Diao)


