Nach Transsilvanien mit Biss und E-Gitarre – „Dracula – Das Musical“ im Deutschen Theater (Bericht)
Jan Ammann ist zurück als Graf! Also gut, nicht so, wie man nach der Meldung vermuten möchte, aber nach seinen langjährigen, ikonischen Gastspielen als Graf von Krolock in „Tanz der Vampire“ übernimmt der bekannte Musicaldarsteller nun für die gesamte Länge der Tour die Titelrolle in „Dracula“. Auch wenn die Besetzung sicherlich ein guter Marketing-Clou des Produzenten ShowSlot war, muss sich das Musical von Frank Wildhorn wahrlich nicht verstecken. Mit aufgedrehten E-Gitarren ist die Produktion vom 7. April bis 19. April 2026 im Deutschen Theater München zu Gast.

Schon im Foyer wird vor Effekten und Stroboskoplicht gewarnt, das ab der ersten Sekunde abgefeuert wird. Zuvor erklingt bereits düster-atmosphärische Musik im Saal, bevor die Reise ins Schloss beginnt. Handlungstechnische Parallelen zum anderen Vampir-Erfolgsmusical sind unvermeidlich, ist dieses doch ebenfalls inspiriert vom Ursprungsstoff, der „Dracula“ zugrunde liegt. Dennoch hat Wildhorns Musical eine völlig andere Herangehensweise: rockig, düster, recht humorlos, dafür brachial und definitiv nicht familienfreundlich. Vampire sind eben keine Unterhaltung für Groß und Klein, und sicherlich keine harmlos-romantischen Fabelwesen, das macht das Musical deutlich.
Im ersten Akt begleiten wir Jonathan Harker (Philipp Dietrich), wie er Graf Dracula (Jan Ammann) seinen neuen Wohnsitz in London verkaufen möchte. Der wiederum hat es recht schnell auf seine Frau Mina Murray (Lisa Habermann) abgesehen, die allerdings nicht so leicht herumzukriegen ist. Also beginnt er ein riesiges Massaker, einschließlich Minas Freundin Lucy Westenra (Munja Viktoria Meier), das schlussendlich nur von einem Experten seines Fachs gelöst werden kann: Draculas Gegenspieler Professor van Helsing (Marius Bingel). Dazwischen allerlei Nebencharaktere, die gelegentlich einen Witz einstreuen und für aufsehenerregende Momente sorgen, beispielsweise beim Solo von Draculas Zögling Renfield (Christopher Wernecke) aus der Psychiatrie.

Verglichen mit der Version, die 2022 im Deutschen Theater zu sehen war, ist diese Inszenierung vier Jahre später eine deutliche Steigerung: Die Bühne ist, besonders für eine Tourproduktion, imposant, stimmig und wirkungsvoll. Die Arbeit mit Licht und Nebel funktioniert grandios – nicht zuletzt auch, weil Jan Ammann als Graf Dracula eine tatsächlich sehr eindrucksvolle Erscheinung abgibt, deren Wirkung den Respekt der anderen Figuren durchaus nachvollziehbar macht. Von dieser Wirkung waren wir 2022 mit Thomas Borchert weit entfernt. Ebenfalls angenehm ist der Rückkehr zur alten Textfassung, nachdem die neue Übersetzung der letzten Tour an sehr vielen Stellen noch deutlich gehinkt hat und zudem die Kenner und Liebhaber des Musicals eher verärgert hatte.

Was diesen „Dracula“ zusätzlich noch einmal besser wirken lässt, ist die ziemlich runde Besetzung. Dietrich und Habermann als Jonathan & Mina spielen ihre Rollen wunderbar und singen sie routiniert durch ihre Lieder, wenngleich der Funke nicht so ganz überspringen mag. Überraschend ist dagegen Munja Viktoria Meier als Lucy: Ihre verstärkten Auftritte im 1. Akt können stimmlich und schauspielerisch sehr überzeugen und machen große Laune. Marius Bingel als Professor van Helsing füllt seine Rolle in allen Disziplinen gut aus, kommt aber nicht ganz an Patrick Stanke aus der letzten Tour heran. Dreh- und Angelpunkt ist aber sowieso Jan Ammann, der die abwechslungsreiche Partie mit deutlicher Spielfreude und Ernsthaftigkeit auslegt und stimmlich alle Höhen und Tiefen beeindruckend meistert – einschließlich seines abschließenden Solos „Je länger ich lebe“, das bei der letzten Inszenierung eher enttäuschend gewesen ist. Insgesamt ist „Dracula“ musikalisch, schauspielerisch und produktionstechnisch eine riesige Freude. Wer mit der deutlich ernsteren und seriöseren Ausrichtung des Musicals vertraut ist, bekommt ein Paradebeispiel dafür, wie stark eine Tourproduktion sein kann. Chapeau!


