Kunst & Kultur

Eine Hymne an das Leben – Gisèle Pelicot im Residenztheater (Bericht)

Es ist ein Abend, der schon im Vorfeld kaum in Worte zu fassen ist und im Nachgang noch viel weniger: Gisèle Pelicot besucht das Residenztheater München. Vor neun Tagen erschien ihr Buch „Eine Hymne an das Leben“ zeitgleich in 22 Sprachen. Den Großteil der publizierenden Länder besucht sie in Form einer Buchpräsentationsreise persönlich, in Deutschland ist sie lediglich in Hamburg und München zu sehen. Das Gespräch führt Journalistin Sandra Kegel, die deutschen Passagen liest Caroline Peters, die kurzfristig für die ursprünglich geplante Sandra Hüller eingesprungen ist. Der Abend am 26. Februar 2026 war sofort ausverkauft.

Mit reichlich Anspannung betritt man den Saal des Residenztheaters, bereits bei der Kartenkontrolle hinterfragt man das obligatorische Wünschen eines „schönen Abends“. Wichtig ist er, bedeutsam, das wird schon klar, als Gisèle Pelicot mit Kegel und Peters die Bühne betritt und unverzüglich ein großer Applaus aufbrandet. Es dauert höchstens 20 Sekunden, dann steht das gesamte Theater – ohne auch nur ein gesprochenes Wort. Die kurze Begrüßung übernehmen Tanja Graf, Leiterin des Literaturhauses, und Residenztheater-Intendant Andreas Beck, die die Lesung in Kooperation zustande kommen lassen. Doch nach all der herzlichen Begrüßung steht der inhaltliche Beginn der Veranstaltung bevor: Die Beschäftigung mit dem Fall Pelicot, der seit 2024 schlichtweg fassungslos macht.

Sandra Kegel stellt die Fragen auf Deutsch, Pelicot antwortet auf Französisch, wird aber simultan von Isabelle Raskin übersetzt, was dankenswerterweise trotz des schnellen Sprechflusses sehr gut funktioniert. Über ihre Eltern und Großeltern, die ihr Kraft und Liebe geschenkt haben, spricht sie, genau die Kraft, die sie im späteren Verlauf ihres Lebens mehr, als sie jemals vermutet hätte, gebraucht hat. Peters liest die Passage, als Gisèle Pelicot am 2. November 2020 auf die Polizeiwache gebeten wurde, vermeintlich deswegen, da ihr Mann kurz zuvor erwischt wurde, wie er jungen Frauen im Supermarkt unter den Rock fotografiert hatte. Anfangs hat sie ihn verteidigt, sich sogar für ihn entschuldigt, doch was die Polizisten bei der Beschlagnahmung gefunden hatten, ging weit darüber hinaus. Als ihr gesagt wurde, Monsieur Pelicot werde soeben wegen schwerer Vergewaltigung und Verstoß gegen das Betäubungsmittelgesetz verhaftet, konnte sie es kaum fassen, noch weniger aber, dass sie das Opfer hierbei gewesen sein soll.

© Christophe Simon

Mindestens 51 Männer haben Pelicot im Laufe eines Jahrzehnts im betäubten Zustand vergewaltigt, teils mehrfach und mit extremen Methoden. Die Zahl geht in die Hunderte, ihr Ex-Mann hat sie im Internet fremden Männern „angeboten“, aber auch er selbst hat sich an ihr vergangen, nachdem er sie mit Betäubungsmitteln in einen komatösen Zustand versetzt hatte. Gezeigt hat sich das alles in starken Erinnerungslücken, körperlichen Verfall und übertragenen Geschlechtskrankheiten, aber Erinnerungen hat sie wegen dieser Betäubung bis heute nicht. Die Taten finde sie nicht im Kopf, aber am Körper. Dass sie all das überlebt hat, sei nichts anderes als pures Glück. Hätte man ihren Mann nicht zufällig erwischt, wäre all das nie ans Licht gekommen, dann säße sie nun nicht lebend hier, so deutlich wird sie im Gespräch.

Weltweit bekannt geworden ist Pelicot aber vor allem durch ihre unendlich mutige und wegweisende Entscheidung, ihren Gerichtsprozess öffentlich und nicht anonym abzuhalten. Vergewaltigungsfälle finden zumeist unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt, eigentlich als Opferschutz, der sich aber stärker als Täterschutz herausstellt. Die Vorstellung, mit diesen über 50 Angeklagten im Gerichtssaal eingesperrt zu sein, habe sie zutiefst beunruhigt, aber noch mehr die Tatsache, dass niemand je von ihren Vergehen erfahren könnte. Peters liest ausführlich die Passage vor, in der sich Pelicot für den öffentlichen Prozess entscheidet – und damit auch dem öffentlichen Zeigen der Beweisstücke und Videomitschnitte ihrer Vergewaltigungen, während sie selbst im Saal ist. Unverblümt und mit deutlichen Worten schreibt sie darüber, wie sie sich diese Videos allein am Computer ansieht, um für den Prozess abgehärtet zu sein. Es ist schwer zu ertragen, allein den vorgelesenen Worten zuzuhören. Was diese Frau dabei aber durchfühlen musste, ist kaum zu begreifen.

Und doch betitelt sie ihr Buch „Eine Hymne an das Leben“. Auch auf der Bühne des Residenztheaters sitzt keine schüchterne, unsichere Frau, sondern eine starke, selbstsichere Person, die aus all diesem unvorstellbaren Leid nicht nur mit Fokus und Engagement hervorgeht, sondern sich auch ihre Lebensfreude und einen liebenswerten Blick auf das Leben bewahrt. Eine neue Liebe habe sie gefunden, denn so sei sie eben, ein offener Mensch, der niemals das Gute im Menschen aus den Augen verliert. Selbst auf ihren Ex-Mann hat sie keinen hasserfüllten Blick, bezeichnet ihn zwar deutlich als Täter von abscheulichen Dingen unendlicher Perversion, aber sieht zugleich auf über 50 Ehejahre zurück, die nicht verloren waren. Einerseits habe es ihnen ihre Kinder und Enkelkinder geschenkt, andererseits waren da glückliche Zeiten, die sie nicht missen oder übersehen möchte.

Gisèle Pelicot ist ein Vorbild und Idol, nicht nur für Frauen und für Opfer sexueller Gewalt, sondern für jede rechtsschaffende Person. Als Ikone sähe sie sich nicht, so steht es in den letzten Seiten ihres Buches, die Pelicot zum Abschluss selbst vorliest. Die Menschen wiederum dürften das anders wahrnehmen: Ihr Fall und ihr Mut haben zahlreichen Frauen und Opfern sexueller Gewalt geholfen. Ihre Aussage, dass die Scham die Seiten wechseln müsse, ist Leitbild und Mahnmal zugleich. Schlussendlich hat sie sogar zu einer Änderung des französischen Recht beigetragen, dennoch sei es schwerer, die Mentalität zu ändern, wie sie es einmal als Zitat gesagt hat. Dieser Veränderung ist sie weltweit mit einem sehr großen Schritt näher gekommen. Sich für diesen bedrückenden, ergreifenden und doch am Ende sehr positiv aufs Leben blickenden Abend mit minutenlangen Standing Ovations für Gisèle Pelicot zu bedanken, ist das Mindeste, was die Münchner*innen tun können. Hier wird nicht für eine Lesung geklatscht, sondern für ein Lebenswerk.

Bericht: Ludwig Stadler

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