I Will Remember – Toto in der Olympiahalle (Bericht)

Wenn man als Band auf eine 40-jährige Bandhistorie zurückblicken kann, darf man gerne mal ein wenig sentimental werden und sich ein wenig auf dem Erfolg ausruhen. Oder man macht es wie die Mannen von Toto, die kurzerhand ein Best-Of-Album mit remasterten Hits und drei neuen Songs herausbringen, außerdem die Arbeit an einem neuen Album verkünden und dabei zum Jubiläum auch noch auf umfangreiche Konzertreise gehen. Ausruhen kommt für die inzwischen doch schon etwas in die Jahre gekommenen Herren nicht in Frage, wenn man doch genauso gut jeden Abend das Publikum mit den unsterblichen Melodien begeistern kann – mit dieser Einstellung wurde man auch in München am 22. Februar 2018 in der Olympiahalle herzlichst begrüßt.

Anfänglich wirkt die ganze Show fast wie eine Theateraufführung. Um 19:50 Uhr ertönt der erste Gongschlag, das Publikum möge doch bitte ihre Plätze einnehmen, währenddessen gibt es sich immer wiederholende Filmmusik aus den Boxen und den Blick auf den weißen und beleuchteten Vorhang. Die Olympiahalle ist zwar etwas verkleinert und abgedeckt, aber im Konzertbereich selbst voll und äußerst gut gefüllt – in Anbetracht der Kapazität der restlichen Deutschland-Konzerte sicherlich der Tourstopp mit der größten Besucher-Anzahl. Das Alter: wild durchgemischt. Die Fans von damals, die sich ihre langjährigen Wegbegleiter mal wieder oder endlich einmal live ansehen möchten, findet man ebenso wie wirklich junge Gesichter, die noch nicht einmal eine 2 an erster Stelle im Alter haben dürften. Das kann womöglich daran liegen, dass der Song „Africa“ in den letzten Monaten über Social Media einen riesigen Hype als „bester Song der Welt“ erfährt – oder einfach daran, dass die Musik von Toto zeitlos und über Generationen hinweg weltbekannt ist.

Als um 20 Uhr das Licht endgültig ausgeht und das Intro beginnt, wird schnell klar, dass Toto sich eine Vorband gespart haben und sofort selbst loslegen, denn etwas zu kompensieren haben die Musiker garantiert nicht, lieber spielen sie selbst ein wenig länger. So sollte es im Laufe des umfangreichen Konzerts dann auch kommen, aber von der langen Reise ist beim Opener „Alone“ noch lange nichts zu spüren. Es dauert ein wenig, bis die Leute tatsächlich so aufgetaut sind, dass sie zeitweise von den Sitzplätzen aufstehen bzw. auf den Stehplätzen sich bewegen, das Gefühl einer Art Theateraufführung bleibt ein wenig bestehen. Dem beugt die Band aber kurzerhand vor, indem sie den Riesenhit „Hold The Line“ gleich als zweite Nummer hinterherschieben und damit die Menge dermaßen aufwecken, dass ein klatschwütiges und gut gelauntes Publikum bis zum Schluss erhalten bleibt. Zu ekstatischen Jubelstürmen und Ausschreitung kommt es nicht, aber das wäre auch der falsche Rahmen dafür, denn Toto feiern Geburtstag – das zwar ordentlich rockig, aber trotzdem im gediegenen Stil.

Ein absoluter Traum für jeden Fan dürfte aber die Setlist sein. Die Amerikaner waren die letzten Jahre weniger dafür bekannt, ihre Liederliste großartig zu wechseln, aber nun, zum Jubiläum, haben sie ganz tief in die Trickkiste gegriffen und eine Songfolge erschaffen, die ihresgleichen sucht. Mit u.a. „Spanish Sea“ gibt es eine neugeschriebene Nummer erstmals live, während „English Eyes“ und „Girl Goodbye“ seit etlichen Jahren wieder einmal die Fans mitreißen darf. Ein kleines Wagnis dürfte es auch gewesen sein, die beiden Instrumental-Werke „Jake To The Bone“ und „Dune (Desert Theme)“ in voller Länge zu spielen, denn, so überragend wie diese Kompositionen sind, fordern sie vollste Aufmerksamkeit. Das heimliche Highlight des Abends: die Gänsehaut erzeugende und überaus fabelhafte Ballade „Angela“, die auf dieser Tour erstmals seit 1993 (!) wieder ihren Weg auf die Bühne geschafft hat. Ein großer Moment, nicht nur für die alteingesessenen Fans.

Mit einem Trick gelingt es den Musikern auch, eine kleine Wohnzimmer-Atmosphäre trotz der großen Halle zu erschaffen: zwischen ihrem ersten und zweiten Set schieben sie kurzerhand eine kleinere Akustik-Session von rund 20 Minuten rein, in der sie einige Perlen ihrer Historie anspielen und davor kurz erklären, welchen Hintergrund der jeweilige Song hatte. Wenn man also das erste Mal überhaupt „Miss Sun“ live hören kann und dabei erfährt, dass dies der erste Toto-Song aller Zeiten ist, oder auch vom Klassiker „George Porgy“ mitbekommt, dass Gitarrist Steve Lukather damals nur als Not-Gesangsmann mit jungen 19 Jahren eingesprungen ist, ist das alles wahnsinnig interessant und toll zu verfolgen. Es zeigt auch einmal in Ruhe, welche Genies ihrer Instrumente dort auf der Bühne stehen, was sich nicht nur auf Gitarrist, Mastermind und heimliches Aushängeschild der Band, Steve Lukather, bezieht, sondern auch auf den grandiosen Sänger Joseph Williams oder den überragenden David Paich am Konzert-Piano und auch auf jeden weiteren der insgesamt acht Musiker auf der Bühne.
Licht und Ton kommen ihnen dabei übrigens sehr zugute, denn so einen perfekt ausgepegelten und glasklaren Sound hört man selten, zusätzlich noch in der Olympiahalle, die nun zwar weder für ihre Akustik bekannt noch gefürchtet ist, aber kaum ein Klangbild erschaffen kann, das wirklich vollends überzeugt.

Als sich der zweite Block um etwa 21:20 Uhr in Bewegung setzt, sind die Besucher schon wieder so richtig auf Rock’n’Roll fixiert, dass sich die weiteren Lieder als noch stärker herausstellen, eine konstante Steigerung von sowieso schon fantastischen Werken. Logisch natürlich, dass bei der Frage von Lukather, ob wir bereit für DEN Song wären, nichts Geringeres als „Africa“ gemeint ist, welcher auch noch die letzten Stehmuffel von ihren Sitzplätzen hochjagt und zu einer weit über zehn Minuten langen Fassung einlädt. Gesteigert werden kann das alles dann zwar nicht mehr, aber die Zugabe „The Road Goes On“ dürfte der passendste Rausschmeißer sein, den Toto finden könnten und der dabei noch genau die Botschaft vermittelt, auf die die Fans eh schon gehofft haben: wir sind noch lange nicht fertig!

In Anbetracht des Klangs, der Setlist, den musikalischen Leistungen, auch dem Gesamtpaket und der üppigen Spielzeit von rund 140 Minuten kann man eigentlich nur ununterbrochen seinen Hut ziehen und sagen: bravo, Toto, ihr habt es geschafft: das perfekte Konzert.

Setlist: Alone / Hold The Line / Lovers In The Night / Spanish Sea / I Will Remember / English Eyes / Jake To The Bone / Lea / RosannaAcoustic Storytellers: Miss Sun / Georgy Porgy / Human Nature (Michael Jackson Cover) / Holyanna / No Love / Mushanga / Stop Loving YouSet 2: Girl Goodbye / Angela / Lion / Dune (Desert Theme) / While My Guitar Gently Weeps (The Beatles Cover) / Stranger In Town / Make Believe / AfricaZugabe: The Road Goes On

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Bericht: Ludwig Stadler