Hier sind die Neuen – „Sherlock Holmes – Next Generation -Das Musical“ im Deutschen Theater (Kritik)

Die Neuauflage „Sherlock Holmes – Next Generation“ groovte am Samstag, 22. Juni 2019, zur Premiere über die Bühne des Deutschen Theaters. Und jeder Sherlock Holmes-Fan erkennt die Szene zu Beginn sofort. Ein Wasserfall, ein Nahkampf auf Leben und Tod. Zum Ende des Abend wird sich diese Szene einfügen in das große Ganze, in die Geschichte, die mehr als nur die Aufklärung eines Verbrechens ist.

© Stefan Wagner

Sherlock Holmes (Ethan Freeman) ist in der Fortsetzung seiner Geschichte gealtert, das hält ihm auch die ganze Welt vor. Alle finden, dass ein Assistent her muss. Der ist mit dem jungen John (Merlin Fargel) schnell gefunden und kommt bei der ersten Begegnung auch gleich zum Einsatz, als bei der Ausstellungseröffnung im ägyptischen Museum das wichtigste Exponat, das Auge des Horus, geraubt wird. Tags darauf grübeln das eingespielte Team aus Detektiv und Dr. Watson (Frank Logemann) über die Motive für den Mord am ägyptischen Konsul und dem Diamantenraub.

Auf eigene Faust ermittelt John und holt die emanzipierte Catherine (Alice Wittmer), ihres Zeichens Tochter der Museumsdirektorin und Medizinstudentin, mit ins Boot. Hier muss das erste Kompliment gemacht werden. Ja, der Konsul hatte einen arabischen Akzent und der asiatische „Betleibel del Opiumhöhle“ kann kein R sprechen. Aber das war es dann auch mit den politischen Fettnäpfen. Nach einem kurzen Song à la „Jungs gegen Mädchen“ wird sich nicht weiter in Klischees gewälzt, sondern auf die Story gestürzt! Die Spannung steigt, als Holmes auf dem Diplomatenball entführt und Watson schwer verletzt wird. Die verschiedenen Räume, ägyptisches Museum, Ballsaal, Londoner Schmuddelviertel erwachen in dieser Inszenierung lediglich durch Projektionen an die weiß verkleidete Bühnenkonstruktion zum Leben und überzeugen mit einigen Requisiten trotzdem.

© Movin Act Productions

Auch die Kostüme entsprechen einerseits der Epoche um 1900, greifen aber im Besonderen für Catherine einige zeitgenössische Elemente mit auf. Das Verhältnis von Musik und Text ist ausgewogen und der Plot klar strukturiert. Auch der Wechseln zwischen Lovestory und Krimi, der nicht leicht ist, gelingt in dieser Inszenierung. Lediglich die Übergänge sind etwas unbeholfen. Dabei wird die Spannung schön aufgebaut. Ist Moriarty etwa zurück? Es war doch tot geglaubt! Wer am Ende die Strippen zieht, wird hier natürlich nicht verraten. Nur so viel: das Spurenlegen in der Handlung, der Moment, in dem die Zusammenhänge wie Schuppen von den Augen fallen, der ist nicht perfekt geglückt, es hätte vom Aufbau her eigentlich jeder Alttäter her argumentiert werden können. Das ist schade, aber nicht so verwunderlich bei diesem Remake-Format. Der messerscharfe, detektivische Verstand, das Zusammensammeln beeindruckender Details, diese Elemente sind häufig in der Vorlage großer Autoren schon vorhanden und können nicht so leicht nachgebaut werden.

© Stefan Wagner

Dafür hat alles andere gut zusammen gefunden. Die schrullige Lady, die alle zum Lachen bringt und doch etwas verdächtig wirkt, ein Sherlock, der vor Selbstbewusstsein strotzt und heimlich an sich selbst zweifelt. Der Konflikt mit dem Nachwuchs und die Annäherung der Beiden, wenn es um die eine Frau geht. Vielfalt der Stimmungen in der Inszenierung überzeugt ebenfalls. Spielt sich die gesamte Handlung im London des frühen 20. Jahrhunderts ab, so kreiert die Ausstellungseröffnung für einen kurzen Moment einen Hauch ägyptischer Exotik mit Kostüm und Tanz, in der Opiumhöhle werden die Zuschauer kurzzeitig in den fernen Osten entführt. Auch wenn das Publikum nach jeder dieser Exkurse begeistert ist, wäre bei den vielversprechenden Tanzszenen weniger mehr gewesen, mehr choreografische Genauigkeit, weniger Vielfalt und möglichst schwierige Bewegungen, die nicht immer sauber umgesetzt werden können. Die verschiedenen Kostüme, die herrliches Potential für starke Bilder bieten, gehen in diffusen Aufstellungen der Figuren etwas unter. Auch in Szenen, in denen das gesamte Ensemble auf der Bühne ist, wie der Ausstellungseröffnung oder dem Diplomatenball, werden ein paar Chancen der Inszenierung übersehen, da die Situationen eher organisiert als arrangiert werden. Da muss sich Regisseur Rudi Reschke nochmal an die Nase fassen. Denn eigentlich könnte mit wenigem Nachjustieren noch einiges rausgeholt werden.

Ein Liebling der Inszenierung ist der Zeitungsjunge, der in den wenigen Sekunden, die seine Auftritte andauern, immer auf Gedeih und Verderb alles rausschreite und -spielte, was geht.. Zurückhaltend sind Freeman und Logemann nicht nur im Spiel, von allen Darstellern bleiben Fargel und Wittmer am stärksten in Erinnerung. Die Rolle der Catherine ist etwas tiefgründiger und sie überzeugt als selbstbewusste, junge Frau. Doch auch den draufgängerischen, aber verletzlichen jungen Mann hat jeder sicher in der ein oder anderen Rolle schon gesehen. Fargel wird ihm voll gerecht! Beiden kommt ein romantischer Song, gebeutelt von Unsicherheit zu, das Stück verfällt dennoch nicht in Kitsch, da es zügig wieder weiter geht mit der Kriminalgeschichte. Vor allem die Musik mit ihrer Leichtigkeit und eingängigen Themen bleiben auch nach dem Abend noch im Gedächtnis. Ein Vorteil der Bühne: Das Orchester ist zuweilen zu sehen!  Da ist wirklich für jeden was dabei. Mit zwei Stunden und zehn Minuten ist der Abend gut gefüllt, diese vergehen wirklich schnell und leicht, denn trotz kleiner Schönheitsfehler ist auf jeden Fall ein Haufen Spaß drin!

Kritik: Jana Taendler