Der Untergang der Dystopie – „Lucia di Lammermoor“ in der Staatsoper (Kritik)

Vor 184 Jahren hatte Gaetano Donizettis lyrische Dramen-Oper „Lucia di Lammermoor“ Premiere, damals angesiedelt in zwei schottischen Adelsfamilien, die sich auf Lebzeiten Feindschaft geschworen haben. Der wesentliche Punkt ist hierbei aber schon damals nicht der Konkurrenzkampf, sondern Lucia, die Schwester des Adelshauses Ashton. Ihr Werdegang in der gesamten Oper kommt einer Charakterentwicklung gleich, wie man sie selten auf der Bühne sieht. Regisseurin Barbara Wysocka legt das gesamte Szenario in das Amerika der 50er- und 60er-Jahre. 2015 feierte die Produktion Premiere auf der Bühne der Bayerischen Staatsoper – und kehrt nun zurück.

© Wilfried Hösl

Wenn Intendant und Staatsopernchef Nikolaus Bachler selbst anwesend ist und sich dem Treiben gespannt hingibt, ist dem regelmäßigen Besucher bereits klar, dass man wohl heute kaum eine Standard-Besetzung erwarten kann. Donizettis Oper selbst ist wohlbekannt, glänzt mit herausragender Musik, komplexen Gesangspassagen, einem sich nicht in Wiederholungen verstrickenden Libretto und allgemein einem sehr stimmigen Gesamteindruck, auch so viele Jahrzehnte nach der Premiere. Wenngleich es wohl mittlerweile weniger Adelsfamilien gibt, die auch politisch große Macht ausüben, hat sich der Grundplot nicht geändert: alte, weiße Männer bestimmen und integrieren über den Willen der Frauen hinweg. Das Adelshaus Ashton ist dem Bankrott nahe – also will Lord Enrico seine Schwester Lucia mit dem wohlhabenden Lord Arturo verheiraten. Lucia aber weigert sich – liebt sie doch bereits Edgardo. Doch dieser ist, wie sollte es dramaturgisch auch anders sein, der Hausherr der verfeindeten Familie Ravenswood. Katastrophe vorprogrammiert.

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Was, absolut traurigerweise, genauso aktuell wie damals erscheint, ist der Umgang mit Lucia selbst. Sie tritt zu Beginn als starke, selbstbestimmte Frau auf, die sich nicht dem Willen ihres Bruders beugt, sondern selbstständig über ihr Leben entscheiden will – und wird durch List, Verrat und Betrug letztendlich von ihren männlichen Mitmenschen gebrochen und für sie passend zurechtgebogen. Das Resultat: Lucia wird wahnsinnig und holt zum Mord aus. Wysocka sieht die Katastrophe allerdings nicht erst zum Schluss erscheinen – für sie ist bereits zu Beginn alles zerstört und äußerst marode, was sie in ihrem Bühnenbild in Form eines verfallenen Ballhauses zeigt. Zwar wird dieser im letzten Akt des Wahnsinns noch zerstörter dargestellt, aber viel mehr Verfall war schon zu Beginn nicht mehr möglich. Gesehen hat all das aber keiner – die Ehre von Enrico galt es zu bewahren, auf Kosten des Unglücks Lucia. Gewissensbisse plagen ihn zwar des Öfteren – eine Entschuldigung oder ein Eingeständnis wird bis zum Schluss nicht kommen.

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Der Abend lebt neben der spannenden und anregenden Inszenierung insbesondere von seinem atemberaubend starken Ensemble. Jede der sieben agierenden Personen ist grandios besetzt, über Dario Russo als Raimondo bis George Petean als Enrico. Besonders stark agieren an diesem Abend dennoch die beiden Liebenden: Javier Camarena als Edgardo und insbesondere Pretty Yende als Lucia. Camarena mag zwar nicht wie der Standard-Tenor aussehen, spielt sich aber engagiert durch seine leicht prollhafte und von Liebe zerfressene Rolle und singt sich vor allem die Seele aus dem Leib, dass er das Bayerische Staatsorchester unter der Leitung von Antonino Fogliani (großartig!) durchgehend übertönt. Der absolute Star des Abends ist aber Yende in der Titelpartie. Die gebürtige Südafrikanerin gilt schon seit den letzten Jahren als große Hoffnung des Belcanto-Gesangs und etabliert sich derzeit als neue Königin der Koloraturen – wenn man sie die Wahnsinns-Arie und andere Fragmente aus „Lucia di Lammermoor“ singen hört, kann man wohl nur absolut nickend zustimmen. So muss es sich in den 70ern angefühlt haben, die Gruberova zu sehen – man beobachtet eine werdende Legende. Am Abschluss frenetischer Applaus, Standing Ovations für Camarena und Yende. Wenn so die Oper im Jahr 2019 aussieht, geht es ihr bestens.

Kritik: Ludwig Stadler