Lifeline – Papa Roach + Supports im Zenith (Konzertbericht)

Es ist Donnerstag, der 21. September 2017. Früher Abend, etwa 18:15 Uhr. Die Menschenmassen, die vor dem Zenith München stehen, werden langsam aber sicher in die Halle gelassen. Der Grund dafür? Papa Roach, die Alternative Metaller aus Amerika, beehren München auf ihrer Headliner-Tour zum aktuellen Album „Crooked Teeth“. Mit sich führen die Jungs die deutschsprachige Emocore-Band Callejon und spontan die Münchner Kult-Band Emil Bulls. Die Zeichen stehen gut für den Abend, man sucht sich sein gemütliches Plätzchen im angenehmerweise einmal nicht maßlos überfüllten Zenith, statt schlechter Popmusik läuft anfangs leise Filmmusik im Hintergrund und der übergroße Banner der ersten Band fällt einem sofort ins Auge.

Etwa um 19:10 Uhr, mit ein wenig Verspätung, begannen Callejon ihre Setlist mit dem Song „Blitzkreuz“ aus dem gleichnamigen 2012er-Album. Allen voran Frontmann Bastian Sobtzick stürmte übermotiviert die Bühne und gestikulierte bis zum Schluss des 30-minütigen Sets ohne Unterbrechung im massiven Maße. Beizeiten war es fast ein wenig amüsant, wie er Singen und Sich-Durchs-Haar-Streichen abwechselte, dabei aber immer ton- und textsicher blieb und eine überraschend gute Leistung ablieferte. Insgesamt war der zwar recht kurze Opener-Auftritt der eigentlich ziemlichen großen Band absolut stimmig, es jagte ein Hit den nächsten, und tatsächlich war der Sound dabei weder unangenehm zu laut noch irgendwie matschig, sondern absolut einwandfrei – eine kleine Meisterleistung im Zenith, bekanntermaßen eine alte Fabrikhalle, die für die schlechte Akustik bekannt ist. Nach dem Classic „Kind im Nebel“ und dem Die Ärzte-Cover „Schrei nach Liebe“, mit dementsprechender Ansage zur Distanz von rassistischem Gedankengut, machte „Porn from Spain 2“ den üblichen Abschluss. Ein eindrucksvoller Auftritt.

Setlist: Blitzkreuz / Monroe / Dunkelherz / Utopia / Kind im Nebel / Schrei nach Liebe (Die Ärzte Cover) / Porn from Spain 2

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In annähernder Rekord-Umbauzeit kündigte der tatsächlich noch größer gewordene Banner die folgende Band an: Emil Bulls. Nach dem Frank Carter leider kurzfristig die Tour aufgrund psychischer Krankheit absagen musste, ersetzen ihn nun die Niederländer De Staat und bei einigen Auftritten ebenso wie die eben genannten Bulls. Wer in München lebt und Fan harter Metal-Musik ist, hat eigentlich gar nicht die Möglichkeit, irgendwie mal an den Mannen vorbeizukommen, denn mit 23 Jahren Bandgeschichte hat man nach all der Zeit einiges an Bekanntheit und Material vorzuweisen, natürlich auch den ein oder anderen ohrwurmlastigen Hit. Bereits der Opener „Hearteater“ zog den Härtegrad von Callejon nochmal ordentlich an, ebenso der kurze Smasher „The Most Evil Spell“, welcher sofort folgen sollte.

Zugegeben, um kurz aus der objektiven Rolle zu fallen: Es fällt mir nicht leicht, die Emil Bulls objektiv zu beschreiben. Die Jungs sind definitiv eine meiner absoluten Lieblingsbands und deshalb wird zwangsläufig jeder Auftritt von ihnen für mich großartig.
Festhalten muss man allerdings definitiv, dass der Sound, verglichen mit Callejon, ordentlich matschiger geworden ist. Zwar verbessert sich der Mix der Gitarren im Laufe des Sets, vor allem aber anfangs war das Soundgebilde grenzwertig – wenngleich der Gesang von Anfang an laut genug war. Es war auch klar zu bemerken, dass Frontmann Christoph von Freydorf sich besonders Mühe gab, gesanglich zu überzeugen, denn Papa Roach sei für ihn „eine der geilsten Bands dieses Planeten“. Dass die Emil Bulls mindestens eine der geilsten Bands aus München und weit darüber hinaus sind, haben sie mit ihrer vollen Genre-Bandbreite von „The Jaws Of Oblivion“ bis „Here Comes The Fire“ bewiesen. Selbst wenn manche Teile des Publikums die Musik doch als zu hart empfunden haben, wurden die Jungs bis zum letzten Song „Worlds Apart“ zum Großteil lautstark gefeiert.

Setlist: Hearteater / The Most Evil Spell / The Age Of Revolution / Not Tonight Josephine / The Jaws Of Oblivion / Nothing In This World / Here Comes The Fire / When God Was Sleeping / Worlds Apart

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Es folgte eine verhältnismäßige lange Umbaupause, bevor um 21:15 Uhr endlich die Lichter ausgingen und das Intro ertönte. Papa Roach enterten daraufhin die Bühne, noch wartend hinter einem durchsichtigen Vorhang, der wohl ein wenig die Sicht des Umbaus verhindern sollte (was aufgrund der Durchsichtigkeit natürlich nicht recht gelang). Letztendlich fiel aber der Stofffetzen bei den ersten Tönen von „Crooked Teeth“ und man begann die Setlist so energiegeladen wie nur irgend möglich. Ein kleiner Dämpfer der unbändigen Motivation war leider der anfangs noch arg matschige Sound, welcher sich aber nach einigen Songs wesentlich verbessern sollte. Der Band tat das alles nichts an, jeder Musiker war unfassbar motiviert und stieg sofort mit purer Spielfreude in Setlist ein – wenngleich man die etlichen Songs doch größtenteils schon unzählige Male live darbot.

Die Speerspitze der unbegrenzten Energie war von Anfang an Frontmann Jacoby Shaddix. Er ist nicht nur zwangsläufig als Sänger Aushängeschild der Band, vor allem ist er das Herz, welches konstant eine Leistung auf der Bühne zeigt, die schlichtweg sprachlos macht. Neben exzessiven Gestikulieren sprang er mehrfach von diversen Bühnenteilen, warf auch mal den Mikroständer quer über die Bühne, wie bei „Traumatic“, oder stürzte sich mitten ins Publikum. Die gesangliche Leistung war dabei durchgehend überragend. Diese Tatsache ist fast noch faszinierender als die der ungebrochenen Bühnenenergie, denn wirklich so unfassbar tonsicher zu sein, wie Jacoby es war, ist vor allem im Metal-Bereich eine absolute Seltenheit. Glasklar kamen die höchsten Oktaven bei „Periscope“, genauso wie ruhige Momente bei „Between Angels And Insects“ – das Energiebündel trieb die gesamte Show ordentlich voran und trug maßgeblich, wenn nicht sogar ausschlaggebend, zum grandiosen Konzerterlebnis bei.

Das Publikum, war es bei Callejon bereits ein wenig und bei Emil Bulls sichtlich mehr abgegangen, entließ sich nun selbst aus allen Zügeln und tanzte, sprang und eskalierte ungehemmt zu allen möglichen Liedern. Die Setlist selbst ließ das auch sehr gut zu. Ein breites Spektrum von den Anfangszeiten mit Brechern wie „She Loves Me Not“ und vor allem ein Medley mit „Dead Cell“ und „Thrown Away“ aus dem ersten Album „Infest“, bis zu ruhigeren Songs wie „Scars“ und „Gravity“ – das Publikum sang lautstark mit. Auch vom neuesten Werk gab es einiges zu hören: satte sieben Stücke landeten in der Setlist, u.a. erstmals „None Of The Above“, welches an der Stelle der ersten Zugabe stand. Ein absolutes Highlight auch „Born For Greatness“ – der wuchtige Riff im Refrain riss den Besucher so mit, dass man doch den Freudentränen nahe war. Kleine Überraschungen dürfte es auch mit der balladesken Version von „Lifeline“ gegeben haben, ebenso mit einem kurzen „In The End“-Snippet von Linkin Park am Ende des Songs „Forever“ – das kurze Tribut-Zollen wurde mit überlautem Applaus gewürdigt.

Richtigen Tränen war man auch fast nahe, als Papa Roach mit „… To Be Loved“ ihren standardisierten letzten Punkt ankündigten. Das vorherige Chor-Singen von „Last Resort“ gab allerdings nochmal die Chance zum Mitgröhlen, denn zugegeben: den Text kann tatsächlich jeder Anwesender in der Halle. So gingen die Gäste gegen 22:45 Uhr zufrieden und glücklich aus der Zenith-Halle, nach einem absolut grandiosen Konzerterlebnis.

Setlist: Crooked Teeth / Getting Away With Murder / Between Angels And Insects / Kick In The Teeth / Geronimo / Born For Greatness / Scars / Periscope / Gravity / Song 2 (Blur Cover) / Traumatic / Forever / American Dreams / She Loves Me Not / Lifeline / HelpZugaben: None Of The Above / Dead Cell / Thrown Away / Last Resort / … To Be Loved

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Fazit: Diese Kombination war ein schierer Traum. Trotz der bedauerlichen Absage von Frank Carter, wurde mit Emil Bulls ein großartiger Ersatz gefunden, der dem Publikum wohl nicht besser hätte einheizen können; ebenso Callejon, die kurz und knackig in einer tollen Performance ein Best-Of darboten. Papa Roach beeindruckte dann, wie fast schon zu erwarten, jeden einzelnen Konzertgast und bot eine energiegeladene 90-Minuten-Show dar, die man jedermann problemlos empfehlen kann. Ein tolles Trio, ein großartiger Abend – der nächste Auftritt in München kommt bestimmt.

Bericht: Ludwig Stadler
Fotos: Ronja Bierbaum