Fahrrad Fahr’n – Max Raabe & Palast Orchester in der Philharmonie (Bericht)

Tausende Menschen pilgerten einmal wieder in die backsteinrote Philharmonie am Gasteig in München, denn an diesem kühlen Freitagabend, 24. November 2017, sollte ein altbekannter Liedersänger mit seiner musikalischen Begleitung wieder in die Stadt kommen: Max Raabe & das Palast Orchester. Nach einem einwöchigen Gastspiel im Deutschen Theater sind die Musiker nun wieder im Rahmen ihrer „Das hat mir noch gefehlt“-Tournee für zwei Konzerte in oberbayerische Gefilde gereist. Und die Fans mit ihm, denn: der Konzertsaal ist voll, nur ganz vereinzelte Plätze bleiben leer. Eine wunderbare Voraussetzung, als um kurz nach 20 Uhr das Licht ausgeht.

„Guten Tag, liebes Glück“, die zweite Single aus dem aktuellen Solo-Silberling des Frontmanns, sollte den leichten und entspannten Anfang in den liedreichen Abend einleiten und jedem Erst- oder Mehrfachbesucher erstmals oder wieder daran erinnern, wie perfekt konzipiert doch dieses Konzert ist. Mag die Spielfreude der Musiker schon groß sein, die gute Laune, die von der Musik ausgeht, floss auch dieses Mal sofort auf die Besucher über – lauter und ausgedehnter Applaus nach jedem Lied und jedem kurzen Solo. Raabe und seine Musiker bedanken sich per Verbeugen, nie aber mit Worten. Doch an diesen sollte es nicht mangeln.

Max Raabe, charismatischer Frontmann und medienwirksames Gesicht des Orchesters, ist schon so lange im Musikgeschäft unterwegs, dass man über seine Live-Qualität im Gesang wohl nicht mehr viel sagen muss. Jeder Ton sitzt perfekt, jede Kopfstimmnote konsequent getroffen. Das besondere hierbei aber an jedem neuen Programm, neben der Liederauswahl: die Anmoderation. Raabe erzählt Anekdoten und ziemlich unnützes Wissen in seiner staubtrockenen Art, analysiert Phänomene und stellt sich, wohl zurecht, die Frage, wer eigentlich auf diesen Quatsch mit „Schmetterlinge im Bauch“ kam, denn wie sollen sie denn dort hingekommen sein? „Ein Vegetarier hat es sicherlich nicht erfunden“ witzelt er, das Publikum lacht herzhaft, ihn selbst überkommt ein schelmisches Grinsen. Die Moderation ist nicht nur eine schlichte Überleitung, sondern für alle eingefleischten Fans das heimliche Highlight. Eines von vielen.

© Gregor Hohenberg

Es ist schlichtweg nicht richtig, Max Raabe fast immer alleine zu betrachten. Denn die Hauptrolle spielt definitiv nicht er selbst, sondern seine fantastische musikalische Instrumental-Begleitung, das Palast Orchester. Angenehmerweise zieht sich der Frontmann immer dann zurück, wenn er selbst nicht singt, tritt dabei aus dem Frontlicht und lässt seinen Mitmusikern freies Feld. Jedes Solo wird nach dem Lied extra erwähnt und fleißig beklatscht. Eine beachtliche Leistung des Palast Orchesters ist es hierbei, vollkommen ohne Dirigent unfassbar gut abgestimmt und tight, wirklich schnelle und verrückt arrangierte Songs zu spielen. Die Herren und die großartige Dame an der Violine mögen zwar mit jahre-, teilweise jahrzehntelanger Routine und Eingespieltheit gesegnet sein, atemberaubend ist es trotzdem immer wieder, wenn sie das Repertoire der 20er- und 30er-Jahre darbieten.

Ohne Frage, die Tour ist ein Best-Of-Programm. Die Fan-Schar durfte online selbst abstimmen, welche Lieder sie gerne im Repertoire hätten. Vorteil: fast vergessene Werke wie „Kein Schwein ruft mich an“ oder der französische Chanson „La Mer“ finden ihren Weg nach langer Zeit bzw. erstmals in Deutschland auf die Setlist. Nachteil: das eigene Repertoire bleibt dabei auf der Strecke. Raabe hat in den letzten sechs Jahren so fantastische Musik veröffentlicht, dass die mit gerade einmal einem Lied („Küssen kann man nicht alleine“) repräsentierte Anzahl etwas mager war.
Erfreulicherweise gibt es aber gleich drei Werke aus dem frisch erschienen Album „Der perfekte Moment… wird heut verpennt“: neben dem Titelstück und den eingangs erwähnten Opener konnte man „Fahrrad Fahr’n“ lauschen, einer lustigen Geschichte eines Fahrradfahrers in bester Raabe-Manier.

Inklusive einer Pause fand das Konzert kurz nach 22 Uhr sein vorzeitiges Ende, dann allerdings sollte das Palast Orchester die obligatorischen Zugaben spielen, darunter auch der Klassiker „Mein kleiner grüner Kaktus“. Als letzte Liedgut-Darbietung präsentierte man das atmosphärische „Good Night“, einzig Raabe mit Klavier-Begleitung – ein wunderbarer Abschluss eines nicht minder wunderbaren Konzertes. Die nächsten Besuche von Max Raabe & das Palast Orchester Ende November 2018 mit neuem Programm, wieder in der Philharmonie, können wir gar nicht erwarten!

Bericht: Ludwig Stadler