Schuldig im Sinne der KI – „Mercy“ in der Filmkritik
Künstliche Intelligenz ist nicht nur in unserem Alltag omnipräsent, sondern auch im Film: Kinos und Streamingdienste werden in den letzten Jahren regelrecht geflutet mit meist eher mittelmäßigen SciFi-Produktionen, in denen eine machthungrige KI danach strebt, die Weltherrschaft an sich zu reißen. Auf den ersten Blick scheint sich „Mercy“ kaum abzuheben von diesem klischeehaften Einheitsbrei, überrascht am Ende aber inhaltlich wie formal. Ab dem 22. Januar 2026 startet der Film in den deutschen Kinos.
Um die steigende Kriminalität im Los Angeles der nahen Zukunft in den Griff zu bekommen, wird das umstrittene KI-Programm Mercy ins Leben gerufen. Zu den Befürwortenden gehört Detective Chris Raven (Chris Pratt). Doch dann gerät er plötzlich selbst ins Visier der Justiz: Er wird verdächtigt, seine eigene Ehefrau ermordet zu haben. Ihm bleiben 90 Minuten Zeit, um die KI-Richterin Maddox (Rebecca Ferguson) von seiner Unschuld zu überzeugen.

Als Zuschauende:r wird man das Gefühl nicht los, all das schon mal irgendwo gesehen zu haben. Szenarien wie in „Mercy“ gibt es im Science-Fiction-Genre schließlich zuhauf. Man denke etwa an Steven Spielbergs „Minority Report“(2002). Auch Rebecca Ferguson scheint als empathielose Rechenmaschine zunächst jedes Klischee zu erfüllen. Der 90-Minuten-Countdown, der immer wieder eingeblendet wird, sorgt in der ersten Hälfte des Films dementsprechend eher für Ungeduld als für Spannung.
Durchaus innovativ ist dagegen die visuelle Gestaltung: Im typischen Stil des Desktop-Films, mit dem der Regisseur Timur Bekmambetow bereits in früheren Projekten experimentierte, werden im Zuge der Gerichtsverhandlung sämtliche digitalen Beweisstücke auf der Leinwand ausgebreitet: Verwackelte Aufnahmen von Überwachungskameras, Smartphones und Bodycams, Videotelefonate, Social Media. Tab für Tab klären wir gemeinsam mit der Hauptfigur ein Verbrechen auf. Das hat durchaus seinen Reiz, ist auf Dauer aber ziemlich anstrengend für die Augen.

In der zweiten Filmhälfte nimmt dann auch die Handlung endlich Fahrt auf. Es kommt zu einigen unerwarteten Wendungen, die zwar etwas konstruiert wirken, aber durchaus Spannung erzeugen. „Mercy“ ist mit Sicherheit kein filmisches Meisterwerk, aber am Ende doch ein überraschend unterhaltsamer SciFi-Thriller. Auf die große Kinoleinwand kann man in diesem Fall allerdings getrost verzichten. Aufgrund seiner Machart scheint „Mercy“ wie gemacht für eine Second-Screen-Erfahrung auf dem heimischen Sofa. Bei all den Tabs im Film muss man wenigstens kein schlechtes Gewissen haben, wenn man zwischendurch ein bisschen am Handy scrollt.
Kritik: Hannah Berger


