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Planet der Visionen – Kraftwerk im Zenith (Bericht)

Auf kaum eine Gruppierung trifft das Wort „Pioniere“ besser zu als auf Kraftwerk. Seit über 55 Jahren tüfteln die Musiker rund um Ralf Hütter an Sounds und elektronischen Elementen, die sich immer wieder zu Electropop-Nummern zusammenfinden, welche gegen den klassischen Radio-Mainstream rebellieren. In den 1970er- und 1980er-Jahren sind ihnen dabei mit Liedern wie „Autobahn“, „Das Model“ und „Die Roboter“ andauernde Hits gelungen. Als eine der größten Bands Deutschlands und besonders eine der wenigen, die auch international sehr erfolgreich sind, gibt es nur selten die Gelegenheit, die vielfach gepriesene Live-Show in der Nähe zu sehen. Überraschenderweise haben sie für Ende 2025 eine ausgedehnte Tour namens „Multimedia“ angekündigt, die erste seit 2004, welche sie in zahlreiche deutsche Städte führt. Den deutschen Tourneeabschluss bildet am Samstag, 20. Dezember 2025, das Zenith München.

Zeitnah nach der Ankündigung war das Konzert bereits ausverkauft. Kaum verwunderlich: Der letzte Auftritt des Kollektivs in München war 2011 im Rahmen ihrer Kunstausstellungseröffnung. So ist der Ansturm verständlich und erwartungsvoll mit dem Blick auf die Bühne, die lediglich aus einer übergroßen Leinwand und dem ikonischen Podest mit den vier Emporen besteht. Dort nehmen die Musikarbeiter, wie sich die vier Mitglieder nennen, pünktlich um 20 Uhr ihren Platz ein und starten mit „Nummern“ verhältnismäßig experimentell in den Abend. Was aber sofort auffällt: Die beeindruckend glasklaren Animationen des Screens und das Spiel mit Licht.

Kraftwerk

Denn fast jegliches Licht, das in der Halle erscheint, kommt nicht durch Scheinwerfer oder überbordende Technik (lediglich zu „Die Roboter“ gibt es ein wenig Stroboeffekte), sondern lediglich von der grellen Helligkeit der Leinwand und den Mitgliedern selbst. Diese haben ihre Anzüge an, die stetig ihre Farben wechseln. Das mag zwar alles minimalistisch wirken, aber zieht mit der Zeit immer mehr in den Bann und ist visuell ein so gelungenes Konzept, dass man teilweise fast einer lebendigen Kunstinstallation zusieht, die auf Unterhaltung und Ästhetik getrimmt ist. In Kombination mit den zwar häufig minimalistischen, aber oft auch sehr treibenden elektronischen Klängen ergibt sich ein Strudel an audiovisuellen Gesamterlebnis, der gerne vergessen lässt, dass plötzlich zwei Stunden vergangen sind, als sich die Musiker bei „Musique Non Stop“ einzeln unter Applaus verabschieden.

Auf der Setlist verlässt man sich auf einen Streifzug durch die Alben, auch das letzte Werk „Tour de France“ bekommt einen umfassenden Block, genauso wie ihr Durchbruch „Autobahn“, der über 50 Jahre später teilweise auch etwas eigenwillig wirkt. Insgesamt merkt man aber weder der Musik noch den Musikern selbst (Ralf Hütter wird 2026 bereits 80 Jahre alt!) ihre lange Bestehenszeit an. Sowohl Show als auch Sound klingen frisch, mitreißend und vielleicht auch dadurch zeitlos. Dem Sog, den Lieder wie „Radioaktivität“ oder „Metropolis“ bieten, kann man sich schwerlich entziehen. So zeigen Kraftwerk eindrucksvoll, wieso sie auch im Jahr 2025 noch kein Relikt deutscher Musik sind, sondern zurecht als eine der bedeutendsten und aktiven Bands der deutschen Musikgeschichte gelten. Eindrucksvoll!

Setlist: Nummern / Heimcomputer / Spacelab / Ätherwellen / Tango / The Man-Machine / Electric Café / Autobahn / Computer Liebe / Das Model / Neonlicht / Metropolis / Merry Christmas Mr. Lawrence (Ryūichi Sakamoto cover) / Geigerzähler / Radioaktivität / Vitamin / Tour de France / La Forme / Trans-Europa Express / Planet der Visionen / Boing Boom Tschak / Musique Non StopZugabe: Die Roboter

Bericht: Ludwig Stadler

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