Rockit – Herbie Hancock in der Isarphilharmonie (Bericht)
Blickt man auf die illustre Liste an Musiker*innen und Bands mit altehrwürdigem Legendenstatus, die in den aktuellen Monaten nach München kommen, kann man wohl getrost von einem Legenden-Sommer sprechen. Für das Genre des Jazz kommt dabei niemand Geringeres als Herbie Hancock mit seiner Band zu Besuch. Der mittlerweile 85-Jährige ist der vielleicht letzte lebende Komponist von Jazz-Standards, die jede/r frische Schüler*in lernen darf. Was für eine Ehre, dass er am 7. Juli 2025 die Isarphilharmonie im Gasteig HP8 beehrt.
Auch die plötzlich einfallenden Regenstürme halten das Publikum des annähernd ausverkauften Konzertsaals nicht davon ab, pünktlich und gespannt auf ihren Stühlen zu sitzen. Eine durchmischte Gruppe von langjährigen Fans und jungen Bewunderern hat sich eingefunden, um die vielleicht letzte Möglichkeit zu ergreifen, dem Musiker zu lauschen. Der spaziert dann auch entspannt und sichtlich freudig um 20:05 Uhr auf die Bühne und begrüßt die Münchner*innen, die ihm bereits euphorisch zujubeln. Erst einmal wird man eine kleine Ouvertüre spielen, mit Ausschnitten aus einigen Liedern, bevor man sich in längere Stücke wagt, erzählt er. Zuvor gibt es allerdings eine klanglich etwas wilde Improvisation zu schrägen Keyboard-Sounds. Nach ein paar Minuten wechselt Hancock an den Flügel – und damit startet eine musikalische Achterbahnfahrt.

Zwei Stunden schießen er und seine vier überragenden Mitmusiker ein Feuerwerk an grandios gespielter Musik – von klassisch-ruhigerem Jazz zu Funk- und Fusion-Ansätzen. Jaylen Petinaud an den Drums ist zu Beginn noch etwas zu laut unterwegs und verzichtet auch über den ganzen Auftritt auf ein sanftes Spiel, aber gerade die ungestüme Spiellust des 26-Jährigen treibt die restliche Instrumental-Fraktion nur noch mehr an. James Genus konnte am Bass mit zwei intensiven Soli eindrucksvoll beweisen, dass auch solistische Momente an diesem Instrument fesseln können, ebenso wie Gitarrist Lionel Loueke, der mit seinem exaltierten Spiel, gepaart mit eigenwilligen Gesangspassagen, viel Aufmerksamkeit auf sich zieht („No one plays the guitar like him“, sagt Hancock). Die eindrucksvollsten Soli des Abends liefert aber fraglos Trompeter Terence Blanchard. Mit sagenhaftem Improvisationstalent und der Lust, auch in die extremen Höhen zu gehen, erntet er reichlich Applaus und unterstreicht deutlich, wieso er zu den gefragtesten und erfolgreichsten Jazz-Trompetern der Welt gehört.
Inmitten dieses Treibens von Virtuosen: Herbie Hancock. Und der Altmeister ist dabei in keinster Wege selbst weniger gekonnt unterwegs. Seine Soli strotzen vor Spielfreude, und Bewunderung seiner Mitmusiker gegenüber zeigt weiterhin, wie ehrlich mitgerissen er von der Musik ist. Da stört es auch weniger, dass er auf seine ganz großen Kompositionen wie „Cantaloupe Island“ oder „Watermelon Man“ verzichtet und stattdessen, mit wenigen Ausnahmen wie „Rockit“, eher tieferliegende Perlen seines Repertoires zum Besten gibt. Dafür hält er mithilfe des Vocoders, und nach Anlaufschwierigkeiten, eine etwas schräge Rede zur Lage der Nation. Aber gut, etwas Kauzigkeit darf sich auch Hancock erlauben. Gerade dann, wenn er zum finalen Medley mit einem mobilen Keyboard über die Bühne spaziert und sogar mit Loueke hüpfend das Finale performt, vergisst man sofort sein Alter. Was für ein Auftritt!
Bericht: Ludwig Stadler

