Konzerte,  Pop & Crossover

All Night Long – Lionel Richie in der Olympiahalle (Bericht)

Im stetigen Schwarmfluss spaziert die verheißungsvolle Menschenmenge durch den Olympiapark mit dem Ziel von Münchens größter Indoor-Konzerthalle, die – ausverkauft – einen fraglos waschechten Superstar begrüßen darf: Lionel Richie. Auf über 100 Millionen verkaufte Alben kann der Soulsänger in seiner über 57 Jahre andauernden Karriere zurückblicken, einschließlich zahlreicher Konzerte mit seiner Band Commodores und seit den 1980er-Jahren als Solo-Künstler. Seine letzte Visite in der bayerischen Landeshauptstadt ist bereits über zehn Jahre her, so ist es eine große Freude für die Münchner*innen, dass er am 9. Juli 2025 im Rahmen seiner „Say Hello To The Hits“-Tour in der Olympiahalle Halt macht.

Die Olympiahalle ist vollbestuhlt und annähernd restlos besetzt – trotz durchaus sportlicher Preise, die in den vordersten Reihen durch VIP-Pakete bis auf 912 € hochgingen. Auch in den hinteren Gegenden bleibt der Preis dreistellig; ein günstiges Vergnügen ist der Besuch des Konzerts wahrlich nicht. Zur musikalischen Einstimmung gibt es erst einmal Iggi Kelly, den Sprössling von Patricia Kelly, der vor über zehn Jahren bei The Voice Kids bis ins Halbfinale gerutscht ist. Mit reichlich radiotauglicher Popmusik und zwei Mitmusikern weiß er sehr wohl, wie man 30 Minuten angenehm und enthusiastisch füllt. Kelly zündet das volle Repertoire an Interaktivitätsversuchen und singt mit glockenklarer Stimme, dennoch bleiben die Songs kaum hängen und wirken schlussendlich ein wenig belanglos.

© Alan Silfen

Der große Auftritt folgt, als fünf Musiker zu ihren Instrumenten schreiten und um 21:05 Uhr ein Intro anstimmen, zu dem im vordersten Bereich des Stegs plötzlich eine Nebelwolke aufsteigt – und Lionel Richie darunter hervortritt. „Hello, is it me you’re looking for?“ Ja, natürlich ist es er, auf den die freudig aufgestandene Menge gewartet hat. Wer tatsächlich noch den legendären Opener über sitzt, springt spätestens beim folgenden „Running With The Night“ auf, der sogleich die Richtung des Abends vorgibt: Funk, Soul, Kraft und eine unbändige musikalische Energie, die sich nahtlos auf das Publikum überträgt. Richie flitzt und schreitet über die Bühne und den Steg, als wäre er in seinen Zwanzigern, aber sicherlich nicht 76 Jahre alt, wie es tatsächlich der Fall ist. Nur manchmal wandert er an seinen weißen Flügel, später auch an ein schwarzes Piano, das wundersamerweise am Ende des Stegs erscheint, und singt die etwas ruhigeren, romantischen Stücke – nur, um sogleich wieder aufzuspringen und den nächsten Tanzhit zu performen. Das Publikum? Steht durchgehend und tanzt, tanzt, tanzt. „I haven’t seen dancing like this since 1982.“

Verwunderlich ist das kaum, spielt Richies Begleitband doch dermaßen pointiert und klanglich ausgeglichen, dass man in der akustisch oft eigenwilligen Olympiahalle nur staunen kann. Gepaart mit einer grandiosen Lichtshow sowie Luftsäulen- und Feuerelementen, lässt die Produktion keine Wünsche offen und transportiert über die Musik hinaus das Gefühl, an einem ganz großen Abend teilzunehmen. Den wesentlichsten Anteil daran hat der Sänger selbst, der zahlreiche sympathisch-humorvolle Ansagen einwirft („I’ve been in the business for 400 years now“) und immer wieder seine ehrlich gemeinte Freude über das extrovertiert jubelnde Münchner Publikum ausdrückt („Munich! Out of control! People have lost their minds! I love it!“). Ein wenig überraschend ist es durchaus, bei einem so hochpreisigen Konzert, das zudem bestuhlt ist und unter der Woche stattfindet, eine so ausgelassene Stimmung zu erleben, aber das ist es eben, was dieser so gekonnte Entertainer schafft, aus den Leuten herauszuholen. „All Night Long“ geht es am Ende zwar nicht, aber mit ebendieser Nummer schließt Lionel Richie nach knapp zwei Stunden sein Best-of-Programm ab. Was für ein fantastisches Konzert!

Setlist: Hello / Running With The Night / Easy / Penny Lover / Se La / Stuck On You / Sail On / You Are / Brick House / Three Times A Lady / Commodores Medley / Truly / Endless Love / My Destiny / Dancing On The Ceiling / Still On / Say You, Say Me / We Are The WorldZugabe: All Night Long (All Night)

Bericht: Ludwig Stadler

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