Magical Mystery // Zwei im falschen Film – (Doppel-)Filmkritik

Der deutsche Film – zwei polarisierende Gegensätze

Die lebende Legende Christopher Nolan äußerte sich vor nicht allzu langer Zeit einmal wie folgt in einem Interview: „Ich würde alles versuchen, denke ich – außer Komödien und Romantikkomödien. Mit diversen Genres zu arbeiten ist richtig hart. […] Bei einer Komödie kann man sich nicht hinter der Kunst des Films verstecken.“ Das Mastermind hinter „Memento“ oder „Interstellar“ traut sich also Komödien nicht zu und wertschätzt diejenigen umso mehr, die es meistern. Das sollte im Umkehrschluss aber nicht bedeuten, dass das Versagen in diesem Genre schneller totgeschwiegen wird, da es eben ein so verzwicktes Unterfangen ist. Der deutsche Film genießt im internationalen Business kein besonders großes Ansehen, da er genau diese Regel nicht beachtet. Lieber fährt man in lächerlicher Sturheit und einem absolut unzeitgemäßen Humor ohne Vielschichtigkeit mit Vollgas gegen die Wand, als sein Konzept noch einmal zu überdenken und sich zu fragen, was eigentlich Comedy mit Niveau heutzutage bedeutet. Zum Glück ist das, wie ich jetzt wieder einmal mit Freuden erfahren durfte, nicht immer der Fall. Es gibt sie auch hier noch: Regisseure, welche wunderbar-frische Geschichten mit schlüssigem Gesamtkonzept meistern und sich nicht die ganze Spielzeit hinweg über eine witzige Grundidee zwangsernähren. Um diese zwei Extreme der deutschen Filmkunst näherzubringen, folgen nun zwei Kritiken auf einmal, zu zwei deutschen Komödien, die in ihrer Qualität unterschiedlicher kaum sein könnten.

Magical Mystery oder: Die Rückkehr des Karl Schmidt   (1 / 5)

Regisseur: Arne Feldhusen

Genre: Komödie, Drama

Produktionsland: Deutschland

Kinostart: 31. August 2017

Laufzeit: 1 Std. 57 Min.

Die 90er: Karl Schmidt (Charly Hübner), Ex-Künstler mit vorausgegangenen psychischen Leiden sowie Drogen- und Alkoholproblemen, wird von seinen ehemaligen Bandkollegen zu einer Techno-Tournee diverser DJ-Kumpels überredet, wobei ihm die Rolle des nüchtern-bleibenden Chauffeurs der Truppe zukommt. Während dieses Roadtrips quer durch Deutschland geschehen einige ungeplante Zwischenfälle, eine ungewöhnliche Romanze entsteht und erneute Paranoia machen Karl schwer zu schaffen.

© Razor Film Produktion GmbH

Arne Feldhusen hält sich für mit allen Wassern gewaschen. Nach der Erfolgsserie „Stromberg“ wähnt dieser sich scheinbar viel zu sicher in seinem Metier und verrichtet mit seiner neuen Buchverfilmung eine Fehlentscheidung nach der anderen; angefangen bei der Schauspieler-Wahl als auch beim Dirigieren dieser. Die gesamte Truppe wirkt wie direkt von der Straße für eine neue Folge „Schwiegertochter gesucht“ aufgegabelt. Alle Darbietenden, ganz vorne Hauptdarsteller Charly Hübner, rattern ihre Sätze runter wie die Sprachfunktion von Google-Übersetzer höchstpersönlich, dass man sich ernsthaft fragt, ob diese sich überhaupt mit ihren Rollen beschäftigt haben oder die Texte zwanzig Minuten vor Dreharbeiten zum ersten Mal überflogen haben. Und nein, diese RTL-würdige Darbietung kann nicht einfach mit dem eben eigenen deutschen Kunst-Stil entschuldigt werden. Falls doch, ist mein Job damit soeben nichtig geworden.

© Razor Film Produktion GmbH

 

Ähnlich wenig Ahnung vom Fach kann man durch die zahlreichen Witze mit Altersflecken mutmaßen. Besoffenes Singen auf den Tischen, Wörter wie „Flitzpiepen“ oder das Verwechseln eines Saxophons mit einer Flöte als humoristisch zu bezeichnen, schmerzt dann im Jahr 2017 einfach nur noch. Aber wäre es nur das, würde diese Schande einer Stellvertretung des deutschen Films auf dem Filmfest München nicht in dieser Doppelkritik auftauchen. Vielmehr ist es die unfassbare Demütigung/Veralberung einer ganzen Subkultur zum Zwecke der Bespaßung, dass es einem regelrecht den Fußnagel vom Bett löst. Wer denkt, dass Techno-Musik und seine Kultur hier differenziert aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet werden, hat sich geschnitten. Das Genre wird unterschwellig eiskalt fertiggemacht. Nicht zuletzt durch die Darbietung aller Schauspieler, welche mehr an eine Fortsetzung von „Dumm & Dümmer“ erinnern als an ernstzunehmende Musiker; aber auch durch selten dämliche, möchtegern-coole Sprüche, die absolut nichts mit einem wirklich lockeren Sprachgebrauch gemein haben. Das ist nicht nur schlechtes Witzeln, das ist respektlos.

Die wenigen nostalgischen Einstreuungen wirken zudem ohne Sinn und Tiefgang wie aus der Luft gegriffen und emotionale Bindungen so unecht wie das Pony in meinem Garten. Warum dann einen ganzen Stern für diesen Film? Ich musste zweimal schmunzeln und die Kameraarbeit wie das Setdesign ist ganz in Ordnung.

Fazit: „Magical Mystery“ ist der respektlos-peinliche Versuch einer Komödie, der nur durch ein Trinkspiel, bei dem man jedes Mal einen Shot nimmt, wenn man sich fremdschämt, lustig sein könnte. Ich hatte die ganze Zeit über das Gefühl, Feldhusen vergaß bei den Plakaten die Aufschrift „ausschließlich Spießbürger-Rentnern zu empfehlen“, die sich in ihren Vorurteilen gegenüber moderner Musik bestimmt bestätigt fühlen. Doch zum Glück gibt es da noch Laura Lackmann…

 

 

Zwei im falschen Film   (4,5 / 5)

Regisseur: Laura Lackmann

Genre: Komödie, Drama

Produktionsland: Deutschland

Kinostart: ?

Laufzeit: 1 Std. 46 Min.

Die Liebe zwischen Hans (Marc Hosemann) und Heinz (Laura Tonke) ist nach acht Jahren Beziehung im Alltag verkommen. Als die Beiden diese Erkenntnis nach einem romantischen Film im Kino gewinnen, dessen Gefühle nicht wirklich auf sie abfärben, beschließen sie, sich deshalb auf die Suche nach diesem Defizit zu machen. Bald müssen sie jedoch feststellen, dass Liebe weitaus komplexer als das Einhalten von gewissen gegenseitigen Richtlinien ist.

© Studio.TV.Film GmbH

Dass zwischen den beiden Protagonisten mehr so etwas wie eine gewisse eingespielte Geschwisterliebe herrscht, wird schnell deutlich. Hans gibt seiner Freundin den Spitznamen Heinz und daheim zocken sie vor allem Videospiele statt üblicher Beschäftigungen. Diese Wirkung entfaltet sich auch gegenüber anderen Charakteren, wenn vor Hans ganz offenherzig mit Heinz geflirtet wird, dieser aber nicht daran denkt einzugreifen. Zahlreiche bizarre Situationen entstehen auf diese Weise, die stark zum Nachdenken über das heutige Beziehungsverständnis anregen; im positiven wie im negativen. Alte gegen neue Schule, gemütlich und überschaubar gegen abenteuerlich und unvorhersehbar. Obwohl für das Paar Leidenschaft im Vordergrund stehen sollte, symbolisiert ihre tägliche Arbeitsroutine ein weiteres Mal den tristen Alltag. Heinz, eigentlich Schauspielerin, ist zur Synchronsprecherin für eine plappernde Kinderfilm-Ampel verkommen, während der Ex-Fußballprofi Hans nur noch als Teilhaber eines Copy-Shops seine Brötchen verdient. Wenn dann auch noch Heinz ganz entspannt einen abseilt, während sie mit ebenfalls im Bad anwesenden Hans quatscht oder das gemeinsame Automobil so schrottreif ist, dass es regelmäßig zum Warmlaufen angeschoben werden muss, häufen sich die Metaphern für eine mechanisch ausgelaugte Lebensweise nur so. Dabei wird ganz schamlos auf alle möglichen Marotten einer längeren Liebesbeziehung gelugt. Kein noch so kleines Detail ist vor Lackmann sicher.

© Studio.TV.Film GmbH

Und der wichtigste Aspekt kommt folglich alles andere als zu kurz. Herzhaftes Lachen sowie zustimmendes Schmunzeln ist angesagt, wenn ein würziger Klamauk den anderen jagt. Niemals unter die Gürtellinie und doch so direkt und frech wie man es selten sieht. Hier wurde (fast) immer der richtige Ton getroffen (wenn nicht gerade ein unnötiger englischer Begriff hineingezwängt oder halbgare Popkultur Scherzereien eingestreut werden). Sobald „Zwei im falschen Film“ erst einmal loslegt, kommt man aus dem Gackern kaum noch heraus. Und trotz dem offenen, durchaus erkennbaren Anliegen eines internationalen Humors, verliert der Film zu keinem Zeitpunkt die typische deutsch-kantige Note, wie man es hierzulande von Komödien gewohnt ist. Das zeugt von großem Fingerspitzengefühl.

Nur das Schauspiel ist in Deutschland immer noch so eine Sache. Obwohl Marc Hosemann nach anfänglichen Startschwierigkeiten im weiteren Verlauf, gerade bei den emotionalen Passagen, durchaus etwas zu bieten hat, ist Laura Tonke in diesem Film die Einzige mit tatsächlichem Scharfsinn für die grazilen Feinheiten eines Charakters. Trotzdem, da kennt man weitaus Schlimmeres und die Chemie der Protagonisten stimmt auf ganzer Wellenlänge. Das Herzstück ist ohnehin das fantastische Drehbuch, welches nicht nur durch Comedy zu unterhalten weiß, sondern insbesondere durch den höchst ernsthaften doppelten Boden eines Dramas mit Tiefgang. Wenn die schwerfällige Überwindung der eigenen Trägheit vom Sofa aufzustehen von einem Blockbuster-ähnlichen Bombust-Orchester begleitet wird oder Hans nach einem heftigen Streit im Batman-Aufzug unter knallendem Regenschauer steht, erzeugt das nicht nur eine Situationskomik, sondern erinnert auch an die im Kern überaus bedeutend ernsthafte und existenzielle Thematik dieses Filmwerkes. Das phänomenale und einzig richtige Ende, zu welchem sich entschieden wurde, steht dabei noch einmal für sich. Nur wenn eine Geschichte gut erzählt ist, wenn man sich mit komplexen Charakteren identifiziert, dann kann sie am Ende zu Tränen rühren. Dann ist ein kitschiges Ende nicht mehr kitschig, sondern künstlerisch wertvoll. Da Laura Lackmann auch dieses Unterfangen ausgereift gelingt, war es den Kinobesuchern am Schluss auch einen verdient dicken Applaus wert, als der Handlungsbogen zum Anfang meisterhaft geschlossen wurde.

Fazit: Laura Lackmann zeigt mit ihrem zweiten Film im Regiestuhl, was sie drauf hat. Und das ist nicht weniger als bis ins Detail durchdachtes, rührendes Essenz-Kino mit so viel richtig gesetztem Humor, dass einem die Brust sowohl vom Lachen als auch vom Flennen im Anschluss schmerzen dürfte.