Detour – Filmkritik

ACHTUNG: Durch diese Kritik könnte der ein oder andere Handlungsstrang bereits vorweggenommen werden. Da der Film ganz klar in zwei Teile gespalten ist, war es unmöglich, auf beide dieser Akte einzugehen, ohne dabei indirekt zu spoilern.

(5 / 5)

© SIAMANTO FILM GmbH

 

 

Regisseur: Nina Vukovic

Genre: Drama, Thriller

Produktionsland: Deutschland

Fernsehstart im ZDF: noch unbekannt

Laufzeit: 1 Std. 20 Min.

 

 

 

Die Faszination für das Böse ist weitaus älter als der Film oder gar das Buch. Mystische Sagen über schreckliche Ungeheuer mit purer Lüsternheit nach Zerstörung und Tod bis hin zum biblischen Teufel (und spätere Abwandlungen wie „Nosferatu“), als der für das Gleichgewicht unverzichtbare Anti-Gott, existieren so lange wie die Menschheit selbst. Und sogar nach abertausenden von Jahren ist der ewige Kampf zwischen Gut und Böse, zwischen Richtig und Falsch immer noch Hauptschlagader des Geschichtenerzählens und wird es vermutlich auch immer bleiben. Wahrhaftig abgründig wird es, wenn diese klaren Grenzen verwischen und der emotional instabile Mensch selbst seine düsteren Seiten zum Vorschein bringt. Dies kann von der Verweigerung einfacher Hilfestellungen bis hin zum nicht mehr kurierbaren Scherbenhaufen einer zerstörten Seele führen. Wir nehmen diese im Alltag lauernden Abgründe vergessener Welten in der Realität nicht mehr wahr und trotzdem stellt es eine Art Selbsttherapie des Menschen dar, sich mit diesem Grauen via Fabeln zu beschäftigen. Nina Vukovic reißt den Betrachter jedoch mit ihrem Erstlingswerk vollkommen aus seiner Komfort-Zone heraus und lehrt einem lebendiges und tatsächliches Grauen.

Jan (Alex Brendemühl) bringt es nicht übers Herz seiner Frau die Affäre mit Alma (Luise Heyer) zu beichten, da sein aufgebautes Familienleben zu sehr erschüttert werden würde. Als Alma nach einer Weile genug von diesem Versteckspiel hat, möchte sie in einer spontanen Aktion Jan’s Sohn Juri (Ilja Bultmann) mit nach Berlin verschleppen, um ihren Liebhaber zum Bekenntnis zu zwingen. Da das Geld jedoch zu knapp für eine Zugfahrt ist, überredet sie den wildfremden Zeitungslieferanten Bruno (Lars Rudolph) die beiden mitzunehmen. Unangenehme Gespräche entstehen, wenn Bruno ungeschickt versucht, Alma näher zu kommen, diese jedoch deutlich Distanz wahrt. Der Außenseiter weiß nicht mit dieser Abweisung umzugehen und Verzweiflung schlägt um in Hass.

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Deutlich abgetrennt voneinander ist „Detour“ in zwei Abschnitte unterteilt. Der erste Akt beginnt als Familiendrama und entwickelt sich zu einem melancholischen Roadtrip mit einer großen Prise düsterer Unabänderlichkeit in der Luft. Denn auch wenn man noch keinen Schimmer hat, wohin sich diese Geschichte entwickelt, so fühlt man sich doch durch die unaufhaltbar wirkende, stetig wachsende Intensität der Atmosphäre vom Unbekannten bedroht. Humor hat dabei natürlich nichts verloren. Schließlich ist „Detour“ in seiner Prämisse bitterernst und genauso möchte Vukovic es auch präsentieren. Drei auf den ersten Blick gänzlich unterschiedliche Charaktere werden beleuchtet, welche jedoch eine Gemeinsamkeit haben: eine tragische, unbezwingbare Einsamkeit. Um dies zu unterstreichen, wird der Zuschauer regelrecht erdrückt von Kamerafahrten, die an Klassiker wie „The Shining“ erinnern, und vom zermürbenden Dröhnen im Hintergrund, welches sich schlagartig mit kühler Stille abwechselt. Das alles bevor der zweite Akt überhaupt beginnt. Gerade dort wird es erst richtig schwarz und der Schrecken nimmt seinen Lauf, wenn aus einstigen Dialogen Taten werden. Es ist die unüberwindbare Kluft zwischen den Charakteren, die endlos unglücklichen Missverständnisse und die tragisch unabwendbar verlaufende Geschichte dreier Parteien, welche einem mehr als einen Schauer über den Rücken jagen. Das erinnert nicht von ungefähr an wahrhaftige Muster-Thriller wie „Reservoir Dogs“„Oldboy“„Drive“ oder auch das Film Noir Genre (und damit ganz klar auch seinen Namensvetter aus dem Jahre 1945) im Allgemeinen, die ganz ähnliche Eindrücke vermittelten.

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Nicht zuletzt geschieht dies durch Leonard Peterson’s stimmungsvolle musikalische Untermalung. Und tatsächlich ist das Wort Untermalung mit Sorgfalt gewählt, schieben sich die vielen, teilweise undefinierbaren Instrumental-Klänge wie verstörende Streicher oder diverse Synthesizer niemals durch unnötig definierte Melodien in den Vordergrund sondern lauern angsteinflößend im Untergrund. Man möchte den Betrachter nicht aus dem Geschehen werfen, um ihn sich vom ersten Moment an als Teil der Geschichte fühlen zu lassen. Das Unbehagen der Protagonisten soll auf den Zuschauer überspringen und ihn von innen heraus aufzehren, ohne dass dieser es merkt. Peterson’s Klangfarben gehen dabei keinerlei Kompromisse ein und so muss man definitiv eine dicke Haut haben, wenn diese sich als borstig verstörend wie auf düstere Weise trotzdem wunderschön entfalten. Und wenn Juri flüsternd im O-Ton einige Male „Der Räuber Hotzenplotz holt sie alle“ summt, ist das ironischerweise schon das Munterste, denn beschwingte Alltagsmusik ist nicht einmal durch Bruno’s halblautes Autoradio zu vernehmen. Ich wüsste an dieser Stelle ehrlich nicht, wie man das passender hätte umsetzen können.

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Sind die Lobgesänge nun zu Ende? Noch lange nicht, schließlich war Lars Ullrich noch nicht an der Reihe! Und HOLY SHIT, das letzte Mal als mir eine Performance derartig das Blut in den Adern gefrieren ließ, war Jake Gyllenhaal in „Nightcrawler“ vor drei Jahren. Nein, das ist keine Übertreibung. Was Ullrich hier abzieht, ist nichts weniger als pure Magie, wenn er den ohnehin schon meisterhaften Cast total gegen die Wand spielt. Die Rolle ist ihm schlichtweg auf den Leib geschrieben. Verständlich berührend und doch verfremdend psychopathisch. Er mimt eben keinen klassischen Bösewicht mit einem einzigen großen Rache-Leitmotiv als Lebensziel, sondern einen Affekt-Täter. Die Figur Bruno ist eine von vielen durch sein Umfeld indirekt Stück für Stück in seelische Einzelteile zerlegten, misshandelten tragischen Personen, welche genau so unter uns weilen und in Stillschweigen vergessen werden. „Detour“ zeigt mit rohem Finger auf einen möglichen Ausgang, wenn so ein Individuum einen psychologischen Schlag zu viel abbekommt. Das Böse wird demnach mehr als das egozentrische menschliche Dasein im Allgemeinen interpretiert, welches sich in Form eines irdischen Dämons in einem Körper manifestiert und diesen zu zerreißen droht.

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Einige Besucher werden „Detour“ verstört verlassen und sich die Frage stellen „Darf ein Film so schonungslos und bitterböse sein? Wird dabei eine Grenze überschritten? Und vor allem: Rechtfertigt der Film sich dafür hinreichend?“ Ich werde dies auf ganzer Linie bejahen. „Detour“ spricht zwar eine Wahrheit aus, ohne einen Lösungsvorschlag mitzuliefern, regt durch seine extrem realistische und intelligente Auseinandersetzung mit dem Thema aber mindestens zum Nachdenken an. Nur wenn ein Film das Risiko wagt, etwas genauso drastisch und hässlich zu präsentieren wie die Handelnden es erleben, ohne es zu beschönigen oder anders zu verfälschen, kann er in seinem Unterfangen auf ganzer Linie siegreich hervorgehen. Diese Herausforderung wurde angenommen und gemeistert. Hat der Film die fünf Sterne also wirklich verdient? Das kann ich nicht universell beantworten. Bei mir wurde ganz klar ein Nerv getroffen bei einer so lebhaften Geschichte mit scharfsinnigem Stil, dass er sich zu keiner Sekunde etwas zu Schulden kommen lässt. Und für mich wird er damit als eine der Glanzstücke jüngerer deutscher Filmkunst im Gedächtnis haften bleiben.

Fazit: Nina Vukovic’s Spielfilm-Debut ist eine bahnbrechende, zutiefst ehrliche Schauergeschichte über den steinigen Weg menschlicher Abkehr von Humanität zum Bösen, welche dem Prädikat „Prunkstück“ in jeglicher Hinsicht gerecht wird. Hoffen wir auf die verdiente Aufmerksamkeit.

(5 / 5)