Der wunderbare Garten der Bella Brown – Filmkritik

(4 / 5)

© Ipso Facto Productions & Smudge Films

Regisseur: Simon Aboud

Genre: Drama, Komödie

Produktionsland: UK, USA

Kinostart: 15. Juni 2017

Laufzeit: 1 Std. 32 Min.

Irgendwie kommt mir das alles doch so vertraut vor?“ Dieses Gefühl wird neben mir noch der ein oder andere gehabt haben, als er das Plakat und den Titel zu „Der wunderbare Garten der Bella Brown“ zum ersten Mal begutachtete. Tatsächlich, das französische Meisterwerk „Die fabelhafte Welt der Amélie“ setzte bereits 2001 auf eine ganz ähnliche träumerische Vermarktungsstrategie und verzauberte mit einem modernen Märchen, das Maßstäbe setzte. Haben wir es deswegen nun mit einem billigen Abklatsch zu tun? Keineswegs! „This Beautiful Fantastic“ (wie er im Original heißt und damit bereits hier ein Stück weiter weg von dem Plagiatsvorwurf rückt) baut sich seine komplett eigene kleine Welt auf und behandelt dabei ohnehin grundverschiedene philosophische Themen.

Die schüchterne, erwachsene Waise Bella Brown (Jessica Brown Findlay) verdient ihre Brötchen als Bibliothekarin, hat aber insgeheim den Traum, sich trotz erheblicher Schreibblockaden als Kinderbuchautorin zu verwirklichen. Außerdem ist sie Ordnungsfanatikerin höchsten Grades. Ihre Wohnung findet man stets nahezu steril geputzt vor und selbst für jeden Tag der Woche besitzt sie eine eigene Zahnbürste. Aus diesem Grund ist ihr die zu selbständige und willkürlich sprießende Flora auch ein wahrer Graus. Erst als ihr Vermieter droht, sie aufgrund der Verwilderung ihres Gartens zu kündigen, bleibt ihr keine andere Wahl mehr, als sich mit ihrem Antipoden auseinanderzusetzen und diesen wieder auf Vordermann zu bringen. Hilfe erringt sie bei diesem Unterfangen durch ihren stets griesgrämigen, aber die Natur liebenden Nachbarn Alfie Stephenson (Tom Wilkinson) und dessen Koch Vernon (Andrew Scott). Auch eine Romanze mit dem verschrobenen Erfinder Billy (Jeremy Irvine) bahnt sich an…

© Ipso Facto Productions & Smudge Films

Dass Märchen nicht nur von Prinzessinnen, Zwergen und Drachen handeln müssen, wird hier fabelhaft unter Beweis gestellt. Simon Aboud rückt in seiner mit Metaphern und Analogien gespickten Erzählung die Alltäglichkeit selbst auf eine gleichzeitig überzogene, aber doch minimalistische Weise ins Rampenlicht. Man wird verzaubert von kleinen, klar abgegrenzten Welten mit ihren jeweils eigenen skurrilen Bewohnern: eine kritisch-schrullige Bibliothekschefin, die ihre Sätze lieber auf einem Buchstabenbrett zusammensteckt, statt diese auszusprechen, ein junger, verplanter Erfinder in seiner eigenen Werkstatt mit fliegendem Roboter-Vogel bis hin zum alten Nachbars-Gehilfen, welcher als grimmiger Mentor mit eigentlich weichem Kern nur im Gartenstuhl sitzt und Lebensweisheiten verteilt. Dieser Film beinhaltet ausschließlich Sonderlinge mit überzeichnetem Schauspiel. Doch genau dort wird so schön konsequent gehandelt. Die Darsteller haben allesamt verstanden, dass hier trotz der vordergründig faktischen Themen keineswegs eine glaubwürdige Geschichte erzählt wird, sondern alles nur eine Metapher auf das Chaos im Kuriosum Leben zu sein versucht, welche erst durch seinen wirklichkeitsfernen Charme zum Leben erweckt werden kann.

© Ipso Facto Productions & Smudge Films

Protagonistin Bella ist dabei keine Ausnahme. Das körperlich erwachsene Mädchen, ohne jegliche Ahnung oder Gespür für die reale Welt, fühlt sich wohl in ihrer klar strukturierten kleinen Wohnung. Ihr eigener Garten dagegen ist die Fahrschul-Prüfung, der Zahnarztbesuch oder der erste Kuss. Etwas, wovor man sich fürchtet, aber im Nachhinein doch glücklich ist, es getan zu haben und eine gewisse Bereicherung und innere Zufriedenheit erfahren hat. Wenn Bella in Quarantäne-ähnlichem, schwarzen Gewand das erste Mal durch ihren Urwald trabt und dabei Geräusche wie aus einer Atemmaske mitschwingen, wird schnell deutlich: der Garten als Knotenpunkt ist absolut ersetzbar und nur eine von vielen Darstellungsformen des persönlichen Dämonen, den es zu bezwingen gilt. Es wird einem kein Handbuch zur Pflanzensorgfalt oder eine reine Liebeserklärung an die Natur vorgesetzt, denn über Gartenpflegemethodiken wird überraschend wenig gefachsimpelt; und falls doch, schwingt immer ein anderer Unterton mit: viel mehr wird über die komplex-versteckte Schönheit im wirren Leben und dem Verlorensein in dieser philosophiert. Dieses Grundgerüst hätte bombenfest in sich gegriffen und wäre auch ohne eine klassische Erzählstruktur (welche gerade gegen Ende immer offensichtlicher wird; Stichwort: Billy) mit künstlich eingestreuten dramaturgischen Krisen sehr gut ausgekommen. Leider wird durch diese fehlende Konsequenz die Magie ein wenig getrübt.

© Ipso Facto Productions & Smudge Films

Nichtsdestotrotz ist „Der wunderbare Garten der Bella Brown“ unfassbar intelligent und gewitzt geschrieben. Sämtliche Wortgefechte sind genauso witzig, wie die sanften Momente einfühlsam und wunderschön sind. Bereichert wird das ganze durch eine musikalische Untermalung ohne wirklich besondere Ausreißer oder einem gar eigenem catchy Theme, dafür aber mit viel Herz und dem nötigen Fingerspitzengefühl. All das für einen Film, der nie zu verstecken versucht, was er ist: Eine Fabel für all die Menschen, die noch nicht standfest im Leben stehen und Zukunftsängste haben sowie ein Märchen für die Träumer unter uns. Genau deshalb wird er auch sicherlich nicht jeden Geschmack ansprechen. Erst sobald man sich identifizieren kann, springt der Funken über und man kann mitgerissen werden, wie auf einer Reise nach Utopia, in eine Welt voller kleiner Wunder und mit Pipi in den Augen nach einem perfekten Ende. Deswegen sollte sich vielleicht auch jeder im Voraus fragen: „Bin ich der Typ dafür?“

Fazit: „Der wunderbare Garten der Bella Brown“ ist ein überaus spezieller Wohlfühl-Film für Träumer und Romantiker. Wer fähig ist, loszulassen und sich genauso in diesem modernen Märchen verlieren möchte wie der Film selbst, wird feststellen: so bezaubernd magisches Kino wird selten geboten.

(4 / 5)