Kurz, aber krass – „zu unseren füßen, das gold, aus dem boden verschwunden“ im Metropoltheater (Kritik)

„zu unseren füßen, das gold, aus dem boden verschwunden“ heißt die neueste Produktion im Metropoltheater, die am 8. März 2020 Premiere feiert. Was hinter dem etwas sperrige Titel steckt, haben wir für euch angesehen.

Fünf Schauspieler: Matthias GrundigThorsten KrohnSophie RogallMara WidmannLucca Züchner verkörpern die fünf Bewohner eines Mietshauses in Pankow: Da ist Holm, der schon seit dem Mauerfall in dem Haus wohnt, trinkt und jedem misstraut, der nicht schon ebenso lange da ist. Ahmed, ein Anwalt, der nur eine Wohnung weiter von seiner Ex wohnt, und ebendiese Frau Sarah, völlig verschlungen in ihren eigenen Depressionen. Oben wohnt ein Pärchen, Kim und Daria, die eine als Figur volle Hoffnung, die andere eine aggressive Psychiaterin. Und ganz unten, neben Holm, Nabil, ein Flüchtling, um den sich alles dreht und den man doch nie sieht.

© Jean-Marc Turmes

In diesem Umfeld ist ein modernes Stück entstanden, geschrieben von Svealena Kutschke, und im Metropoltheater unter Jochen Schölch aufgeführt. Es ist ein Stück, fast ohne Bühne; nur ein paar Sitzbänke und blaues Licht assistieren den Schauspielern, auf deren Schultern alles ruht. Es ist sogar ein Stück ohne direkte Handlung; nicht einmal sprechen sie miteinander, sondern nur übereinander, über sich selbst. In der doch recht kurzen Spieldauer von nur etwas mehr als einer Stunde kommt so vieles über die Figuren heraus, das man zuerst nicht erkennt und erst langsam klar wird. Alle leiden und alle haben Ängste, und alle denken viel über den jungen Flüchtling nach, der im Erdgeschoss wohnt. Ob nun Holm in ihm einen Jungen wieder erkennt, der ihn vor Jahren mit seinem Selbstmord traumatisiert hat, oder Sarah in ihm einen letzen Rettungsanker findet; für jeden der fünf Personen ist der Junge etwas anderes. Und während sich die Anspannung in dem Haus langsam verselbstständigt, will genau das doch keine und keiner wahr haben, bis es schließlich zum großen Knall kommt.

© Jean-Marc Turmes

Aufgrund des nicht vorhandenen Bühnenbilds tragen die Schauspieler alles, und das gelingt auch sehr gut. Ein jeder stellt seine oder ihre Figur passend da, man kann das Leid förmlich spüren, dass sie alle in sich tragen. Die Konflikte und Hintergründe wirken echt, und alles wird schauspielerisch gut vorgetragen und herausgearbeitet. Aber auch mit dem Rassismus, besonders dem von Holm, wird gut umgegangen. Sehr verzweifelt wirkt er, während er versucht, seinen Absturz auf andere zu schieben, und wenn es der Flüchtling ist, der nur Anzüge trägt, weil Sarah sie ihm geschenkt hat. Eines Jeden Wut, eines Jeden Gefühle im Allgemeinen schlagen dem Zuschauer wie Wellen entgegen, welche nur hier und da durch einen flotten Spruch oder einen schnellen Witz gebrochen werden. Alle Figuren hier zu charakterisieren wäre wahrscheinlich in einem anständigen Rahmen eine Sache der Unmöglichkeit, zu tief und komplex sind sie, und trotzdem gelingt es dem Metropoltheater, niemanden auszulassen; alle haben ungefähr gleich viel Redezeit und alle spielen auf gleich hohem Niveau, so unterschiedlich ihre Figuren auch sind. Während Holm von Wutausbrüchen und Selbstmitleid lebt, so hat Kim mit ihrer NS-Vergangenheit zu kämpfen, die sie unbedingt ablegen will, es aber einfach nicht schafft.

Auch das Sounddesign muss an dieser Stelle gelobt werden. Wenn Musik zu hören ist, dann nur dumpf und im Hintergrund, manchmal mit wenigen, sinnvollen Akzenten in dramatischen Situationen, doch meistens nur bedrohlich und leise, doch immer da.

Insgesamt kann man sagen, dass dem Metropoltheater mit „zu unseren füßen, das gold, aus dem boden verschwunden“ mal wieder die Inszenierung von einem schwierigen, modernen Stück bravourös gelungen ist, und man wünscht sich, mehr davon zu sehen.

Kritik: Cedric Lipsdorf