Your Name. – Filmkritik

(4,5 / 5)

© Universal Pictures

 

Regisseur/in: Makoto Shinkai

Genre: Animation, Drama, Romanze

Produktionsland: Japan

Kinostart: 11. Januar 2018

Laufzeit: 1 Std. 46 Min.

 

 

Im letzten Jahr schlug der japanische „Your Name.“ global riesige Wellen und räumte unzählige Preise ab. Nur in Deutschland durften wir bisher noch nicht in den Genuss des hochgelobten Films kommen, welcher sogar das Meisterwerk „Chihiros Reise ins Zauberland“ als erfolgreichsten Anime aller Zeiten vom Thron stieß. Doch nicht nur an den Kinokassen ist Regisseur Makoto Shinkai ein kleines Wunder gelungen, auch der Film selbst besticht als metaphysisches Fantasie-Feuerwerk voller kleiner verträumter Details. „Your Name.“ ist nicht, wie ursprünglich zu vermuten, eine reine Körpertausch- bzw. Coming-Of-Age-Geschichte, sondern entschleiert sich nach und nach als herzzerreißendes, modernes Märchen über das Gedankenspiel „Schicksal“.

Die Oberstufenschülerin Mitsuaha (Mone Kamishirashi) ist mit ihrem Leben im langweiligen, ländlichen Dorf Itomori genauso unzufrieden wie der gleichaltrige Taki (Ryûnosuke Kamiki) in der stressigen Großstadt Tokyo. Wunschgemäß kommt es eines Nachts zum vorübergehenden Körpertausch der beiden sich Unbekannten für einen Tag, welche sich nun in einer völlig neuen Umgebung zurechtfinden müssen. Fortan wechseln die beiden völlig unkontrolliert und unvorhersehbar in unregelmäßigen Abständen immer wieder ihre Körper über Nacht. Als sie sich gerade mit der nervenzehrenden Lebensweise arrangiert zu haben scheinen, bricht der sporadische Körpertausch aus ungewissen Gründen auf einmal ab, was sie dazu veranlasst, sich einmal persönlich ausfindig zu machen und das Mysterium aufzuklären…

© Universal Pictures

Dass sich in Shinkai ein Universalgenie eingenistet hat, ist bei der eingleisigen Aufgabenverteilung im Produktionsprozess des Films unschwer zu erkennen. So übernahm er die Regie (der Verfilmung des eigenen Mangas), das Drehbuch und entscheidende Beteiligungen bei Kamera, Schnitt und Storyboard. Dieser Mann hatte eine Vision und wollte sie genau so umgesetzt wissen. Bereits wenn man die wunderschönen Animationen das erste Mal betrachten darf, weiß man allerdings schon: Dieses Vertrauen hat sich bezahlt gemacht. Besonders einnehmend sind vorerst die eindringlichen und kreativen Lichteffekte, welche sowohl die monotonen Beton-Riesen der Hauptstadt Tokyo als auch die traditionellen Zeremonie-Fackeln bei Festlichkeiten im Fantasie-Dorf Itomori in einen betörenden Augenschmaus verwandeln. Aber auch handlungstechnisch nimmt man sich Zeit für eine geeignete Entfaltung der Story. So beginnt „Your Name.“ als harmlose Verwechslungsstory a la „Freaky Friday – Ein voll verrückter Freitag“ und klappert zunächst auf sowohl witzige wie auch einfühlsame Weise die aufkommenden Strapazen ab, welche ein Körpertausch zweier Teenager in der Pubertät so mit sich bringt: Die Merkmale des anderen Geschlechts werden humoristisch erkundet, aber auch die vollkommen anderen Lebenswelten der Beiden lassen Mitsuha und Taki ordentlich vor den Kopf stoßen, wenn sie den oppositionellen Alltag des jeweils anderen bewältigen müssen. Shinkai nimmt den zuvörderst inhaltlich unsicheren Kinogänger dabei an der Hand und führt ihn allmählich in die neue Welt ein.

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Leider traut Shinkai dem Zuschauer aber auch etwas zu wenig zu und vermittelt jeden noch so winzigen Handlungsaspekt, der nicht visualisiert wurde, in vollkommen indiskreter Ausführung – bspw. erzählt ein Charakter einem anderen, was bisher geschah, obwohl dieser doch offensichtlich dabei war. Solche dramaturgischen Stolperer bleiben ansonsten aber zum Glück die Ausnahme. So finden sich viele behutsam gezeichnete Charaktere in diesem Abenteuer wieder, die vor allem die Tugend wahrer Solidarität, Freundschaft und Fürsorge vermitteln und teilweise gar als Kernelement gekonntes Foreshadowing betreiben. Man kann zwar erahnen, dass da noch mehr kommt, umreißt die exakte Handlung dabei aber zu keinem Zeitpunkt. Seine Unvorhersehbarkeit bleibt damit eine seiner größten Qualitäten. Und so ist man nach einem knallharten Twist in der Mitte auch völlig geplättet und der Film schlägt anschließend eine völlig neue Richtung ein: Aus größtenteils sanfter Unterhaltung wird bitterer Ernst. Schnell findet man sich, ob gewollt oder nicht, in einer Achterbahnfahrt der Gefühle wieder. Dabei steigt „Your Name.“ zu wahrlich beachtlicher Größe auf, welche fähig ist, einen Menschen emotional zu erschüttern.

© Universal Pictures

Für manch einen, und das muss betont sein, wird er an dieser Stelle aber zum Kitsch verkommen. Nur wer seinen Verstand für eine Weile ausschalten kann (das Werk hat natürlich keinerlei wissenschaftliche Ansprüche) und sich vollkommen auf Shinkais besondere Form der Inszenierung einlassen kann, wird diejenige Magie erleben, die sich unweigerlich in jeden Gliedmaßen auszubreiten weiß und schlussendlich die Zähre aus dem Tränensack pressen wird. „Your Name.“ unterrichtet über viele bedeutende Themengebiete, vor allem aber ist es die menschliche Leidenschaft von Phänomenen wie romantischer Liebe, Seelenverwandtschaft und Freundschaft. Verstrickt wird das Ganze mit einer Prise Sozialkritik der schnelllebigen Jugend und einem Versuch der Angstbewältigung japanischer Nationaltraumata wie die Fukushima-Katastrophe. In alledem ist das Filmwerk aber auch ein Musterbeispiel für exzellente Dramaturgie – am Ende fügt sich alles trotz der genannten Schwenks in der Handlung zu einem runden Ganzen ohne jegliche Fremdkörper zusammen. Sämtliche Hoch- und Tiefpunkte sind minuziös eingepflanzt und Längen wollen zu keinem Zeitpunkt aufkommen. Perfekt abgerundet wird das Spektakel mit der minimalistisch betörenden Titelmusik von Roadwimps-Leadsänger Noda Yojiro und weiteren Tracks der Band selbst, welche mit gekonnten Rockballaden eine willkommene Abwechslung zum gewöhnlichen Musik-Einheitsbrei bieten.

Fazit: Genau wie die Thematik von „Your Name.“ ist auch der Film selbst aus dem Stoff, aus dem die bezauberndsten Träume geschmiedet werden. Nicht-Zyniker werden sich in einer Welt voller Wunder und optischer wie thematischer Schönheit wiederfinden, die von romantischer, vorbestimmter Verbundenheit fabuliert.

(4,5 / 5)