Die Schönheit schmilzt – „WUNDE R“ in den Kammerspielen (Kritik)

18 Personen tummeln sich in der Kammer 3, die zur offenen Fläche wird. Hinsetzen auf dem Boden? Optional. Gewünscht ist eher: die dauerhafte Bewegung, die Suche nach neuen Blickwinkeln. Denn in der Mitte des Raumes befindet sich ein Glastisch, rundherum sitzen vier Darsteller*innen des Ensembles im Mindestabstand. Wiederum um sie ist ein großer, weißer Kreis gezeichnet – den dürfe man beim Umherstreifen nicht übertreten. Es könnte fast ein reguläres Projekt der Münchner Kammerspiele sein, wenn doch nicht alle Besucher mit Maske herumhuschen, was einen selbst wieder schnell in die Realität zurückholt. Dennoch ist es erfreulich, dass „WUNDE R“, mit einigen Monaten Verzögerung, doch noch Premiere feiern durfte.

© Philip Frowein

Die Uraufführung liegt dem Text von Enis Maci zugrunde, der sich mit dem Frauenbild im Jahr 2020 beschäftigt – und zwar weniger dem Außen-, sondern vor allem dem Innen- und Selbstbild. Dazu sprechen Eva Löbau, Julia Windischbauer, Zeynep Bozbay und Vincent Redetzki miteinander, außer Löbau deutlich überschminkt und kollektiv in einer verzerrten Computerstimme. Die Emotionen, die sonst im Spiel und in der Stimme transportiert werden, kippen dabei in ein mechanisches Bild und sind maximal nur noch eine elektronische Ahnung des Gesagten. Das ist in Anbetracht des Inhalts auch nicht wild, denn schnell wird klar: die Frauenbilder der Charaktere eifern nur Influencern, Food-Bloggern und ähnlichen Internet-Hypes nach. Sie sind genauso inkonsistent wie die Gugelhupf aus Eis, die den Glastisch bedecken – irgendwann schmilzt die schöne Fassade und es bleibt nichts darunter übrig.

Zwischendrin wird all das unterbrochen von vier Monologen zu relevanten Frauen, die standhaft blieben und ihre Ziele verfolgt haben, die mehr waren als reine Außendarstellung. Ob das auf Sexy Cora, dem letzten Beispiel, nun zutrifft oder ob das eben bereits der Weg zum aktuellen Schönheitswahn war, das sei mal dahingestellt, aber die wenigen Sekunden Stille nach den oft lautstarken, auch durch die Musik gesteigerten Monologen, sind sinnbildlich. Erschreckend genial allerdings, wie schnell danach wieder in die monotone Diskussion der neuesten Influencer eingestiegen wird. Macis Text ist dennoch wenig plakativ und die Inszenierung von Felix Rothenthäusler, vor allem in Anbetracht der Situation, ein cleverer Weg der Auseinandersetzung. Die vier fantastischen Darsteller*innen tun ihr Übriges und entlassen den Zuschauer nach 60 Minuten mindestens mit dem Gedanken, was an Substanz in vielerlei Hinsicht noch übrig bleibt. Eine Ahnung hat man. Aber das, so Löbau, sei ja auch alles, was man habe: eine Ahnung.

Kritik: Ludwig Stadler