Ein guter Mensch rennt nicht – „Wozzeck“ in der Staatsoper (Kritik)

11 Jahre ist es mittlerweile, dass „Wozzeck“ Premiere in der Bayerischen Staatsoper feierte. Die Oper von Alban Berg hat eine wilde Historie hinter sich, bezieht sich aber letztendlich auf Georg Büchner fragmentarisches Drama „Woyzeck“ – und wird auch ebenso szenenhaft und fragmentarisch aufgeführt. Andreas Kriegenburg inszenierte Bergs Erstling damals im Jahr 2008 – auch an diesem Sonntag, 17. November 2019, sitzt er im Publikum, fast unscheinbar und unerkannt. Dass ihn die pure Nostalgie an seine früheren Arbeiten zurückzieht, ist unwahrscheinlich; der Hauptgrund, wie für den Großteil der Besucher, ist ein Münchner Rollendebüt: Christian Gerhaher in der Titelrolle.

© Wilfried Hösl

Wie es der bekannte Münchner Bariton bisher geschafft hat, der Rolle an der Staatsoper aus dem Weg zu gehen, bleibt ein Wunder, wahrscheinlich waren die unzähligen Wagner-Einsätze und Liederabende immer präsenter. Dass die Besetzung sich als eine äußerst kluge Wahl herausstellt, wird bereits in der ersten Szene deutlich: Gerhaher überzeugt schauspielerisch auf ganzer Linie und fügt sich bestens in ein sing- und spielfreudiges Ensemble ein. Davon gibt es wahrlich genug, denn im Gegensatz zu den meisten Opern ist Bergs Adaption auf etwa 100 Minuten komprimiert, aber dennoch extrem handlungsintensiv – Zeit für Lückenfüller, gar Längen, bleibt da natürlich nicht, die voranschreitende Verwahrlosung Wozzecks kennt keine Pause. „Langsam, Wozzeck, langsam!“, ruft der adipöse, nur schwer sich voranziehende Hauptmann – aber Wozzeck bewegt sich kaum, schlurft, steht meist starr und ausdruckslos gen Publikum.

Bergs Oper ist keine leichte. Bereits in seinem Erstwerk hat er fleißig mit Atonalität und Anfängen der Zwölftontechnik gespielt – beides Begriffe, die in einem gefälligen oder entspannten Opernabend nicht fallen. Dementsprechend wenig greifbar ist die Musik, teilweise benötigt es Durchhaltevermögen, um die durchgehend düsteren und dunklen Klänge, die Berg verfasst hat, durchzuhalten. Aber da gibt es eben keine positiven Aspekte, kein Lichtschein – das Leben Wozzecks beginnt in der Misere und endet in der Katastrophe. Mittendrin dabei immer: sein Sohn (Alban Mondon). Er wird in Kriegenburgs Interpretation zum heimlichen Protagonisten, ist immer Blickfeld des Vaters, wird aber nie wahrgenommen. Als dann auch noch die sich vernachlässigt fühlende Marie, seine Mutter, ein Verhältnis mit dem Tambourmajor eingeht, entgleitet ihm auch der letzte Angelpunkt. „Hure“ schreibt er da an die Wand des in der Mitte der Bühne schwebenden Raumes, direkt neben dem ebenfalls vom Bub verfassten „Papa“.

© Wilfried Hösl

Gesanglich bleibt die Oper allerdings blass und wenig ereignisreich. Zwar hat Gerhaher einige bemerkenswertere Einsätze in den letzten beiden Akten, aber zumeist weichen jegliche Arienansätze den sehr zackigen, kurzen Texten von Büchner. In den relevanten Gesangsmomenten ist es dann aber auch die Musik und damit das Bayerische Staatsorchester unter der Leitung von Hartmut Haenchen, die in die Vollen geht und die Akteure zumeist übertönt. Selbst als Ausdruck des Nicht-Gehört-Werdens der Klagen ist das etwas schwierig, hier ist man dann doch einfach zu laut unterwegs. Im Bühnengeschehen findet man allerdings genug Punkte, die viel Raum zur Interpretation zulassen, seien es die im Anzug nach Arbeit suchenden Männer, die sich wie Bestien auf Geld stürzen, oder die hässlich-verweste Darstellung der reichen Elite, der „moralisch guten“ Menschen, ginge man nach dem Hauptmann. Hässlich, so ist aber eben auch die ganze Geschichte, die ganze Oper. Insofern haben Kriegenburg, Gerhaher und das gesamte Ensemble absolut alles richtig gemacht. Für eine Wohlfühl-Oper muss dann eben doch ein Puccini sein.

Am Samstag, 23. November 2019, um 19 Uhr wird die Oper „Wozzeck“ live auf STAATSOPER.TV übertragen. Dann kann man sich kostenfrei selbst ein Bild davon machen – und das von der eigenen Couch aus!

Kritik: Ludwig Stadler