Woody Allen & The Eddy Davis New Orleans Jazz Band in der Philharmonie (Kritik)

Ein begnadeter Filmemacher ist schon seit Jahrzehnten, eine lebende Legende nicht erst seit gestern: Woody Allen. Der 83-jährige Drehbuchautor und Regisseur hat in der Filmwelt wahrlich alles erreicht, was man erreichen kann. Dabei ist er nicht nur auf seine Filmtätigkeit zu reduzieren, sondern durchaus in mehreren Bereichen begabt, so auch in der Musik. Seit den 70ern spielt er jeden Montag Klarinette mit der Eddy Davis New Orleans Jazz Band in New York, soweit er natürlich nicht anderen Engagements nachgehen darf. Gelegentlich begeben sich Allen und die Band auch auf einzelne Tour, so auch wieder im Sommer 2019. Dabei stattet der Altmeister München als exklusives Deutschland-Konzert einen Besuch ab und beglückt das Publikum mit den fetzigen Jazz-Klängen.

Irrsinnig heiß ist es an diesem Mittwoch, 26. Juni 2019. Da ist die klimatisierte Philharmonie am Gasteig fast schon ein Ort, an dem man allein ob der Temperatur verweilen will. Wie schön, dass die Musik an diesem Abend auch mehr als vielversprechend ist: New Orleans Jazz. Diese Unterkategorie im Jazz ist quasi die historisch „schwarze Version“ des Dixieland und allein deswegen mit deutlichem Kurs auf tanzbaren Geschwindigkeiten, fetzigen Rhythmen und prägnanten Melodien. Das klassische Bild vom trägen und schwermütigen Jazz, das sich doch oft verfestigt, wird deutlich gebrochen. Perfekt also für einen entspannten Sommerabend, zudem mit Bandleader Eddy Davis einer der begnadetsten Banjo-Spieler dieses Globus seine New Orleans Jazz Band anführt. Zugpferd des Abends ist aber zweifellos Woody Allen, der, auf einem Stuhl sitzend, die Klarinette übernimmt. Relativ unspektakulär sieht das Setting aus, aber nichts anderes ist der Anspruch: die Musik, die Musik allein. Das Gefühl, Montagabend in einem Café in New York von Eddy Davis und seinen Mitmusikern bespielt zu werden? Schwerlich zu transportieren in einer Philharmonie, aber doch, ein wenig gelingt es schon.

Natürlich ist Allen, im Gegensatz zu seinen Mitmusikern, kein ausgebildeter oder studierter Musiker. Er spielt die Klarinette aus Freude, Spaß und sichtlichem Elan. Dabei gelingen ihm gelegentlich ehrbare Soli – hier und da geht dann aber doch ein Ton daneben. Sei’s drum, sein Instrumenten-Spiel auf ein so starkes Hobby-Niveau zu bringen und es mit 83 Jahren immer noch, teils weltweit, auszuüben, zeugt von respektabler Leistung. Und betrachtet man Davis, Allen, Pianist Conal Fowkes, Trompeter Simon Wettenhall, Posaunist Jerry Zigmont, Bassist Greg Cohen und Schlagwerker John Gill, entgehen einem die lachenden und glücklichen Gesichter zu keinem Zeitpunkt. Auch nach mehreren Jahrzehnten steht die Passion für das musikalische Schaffen immer noch über allem. Der Klang der Musik ist dabei so frisch und unverbraucht, als wären die Kompositionen nicht schon vor 100 Jahren entstanden, sondern sie eben jetzt gerade erst ihre Uraufführung erleben. Freilich, alle haben genug Freiraum zur Neuinterpretation und für Soli, dennoch versucht man, dem Grundstock des jeweiligen Liedes treu zu bleiben. Auswahl haben sie genug: über die etlichen Jahre hat sich ein Repertoire von rund 1000 Stücken ergeben. Was es davon zu hören gibt? Eine Setlist gibt es nicht. So bleibt es, in bester Jazz-Tradition, spontan und spannend für Band und Publikum.

Rund 15 Stücke in 95 Minuten, ohne Pause wohlgemerkt, spielt die Eddy Davis New Orleans Jazz Band. Die Musik beseelt, selbst in einer Location wie der Philharmonie wippt der Fuß automatisch mit. So ganz klassisch gehen es die Herren dann ja auch doch nicht an: mal wird mitgesungen, dann stehen die Musiker, mitgerissen von ihren eigenen Rhythmen, spontan auf. Doch, man kann sie schon wirklich spüren, diese Lust am Musizieren. Vom Filmemacher Woody Allen erfährt man an diesem Abend kaum etwas, aber dafür gibt es ja seine unzähligen Filme. Den Musiker Woody Allen wiederum lernt man kennen – ein wenig zumindest.

Kritik: Ludwig Stadler