„Wir brauchen Raum – wir brauchen Ruhm.“ – „WOLKEN.HEIM.“ im Marstall (Kritik)

Ein Abend in undenkbar vielen Grauabstufungen. Seien es elefantengraue Wände, silbergraue Lederhosen, betongraue Hochsteckfrisuren oder aschgraue Filzhüte: „WOLKEN.HEIM.“ von Elfriede Jelinek, welches im Rahmen des Marstalljahresplans des Residenztheater am 29. März 2019 Premiere feierte, kann durchaus als blass bezeichnet werden. Bühnenbild, Requisiten, Kostüme und Schauspieler scheinen derart ineinander zu zerlaufen, dass eine gelbe Banane geradezu eine erfrischende Ablenkung darbietet.

© Matthias Horn

Es geht um unendliche Wanderschaft – das Gefühl niemals wirklich da anzukommen, wo man hin möchte, obwohl man es zuhause doch eigentlich am schönsten hat. Man könnte genauso gut in der Wartehalle einer beliebigen Amtsstube sitzen, eine Nummer ziehen und eine Ewigkeit warten, während willkürlich Zahlen aufgerufen werden. Patriotische Parolen der anderen Wartenden sind dabei inklusive und genauso verwirrend und verstörend wie die Pendants nationalistischer Politiker in unserer alltäglichen Realität.

© Matthias Horn

Regisseur Matthias Rippert verbindet diese Situation des absoluten Unbehagens mit einem deutschlandweit kontrovers behandelten Thema – das Tempolimit auf deutschen Autobahnen. Die Wartehalle bleibt, hinzu kommt eine ununterbrochene Animation, die schlussendlich in der Darstellung eines Unfalls endet, alle Darsteller tragen Tracht. Inhaltlich fügen sich philosophische Schriften zum Mythos der deutschen Nation mit plumpen Bierzeltparolen, wie das allbekannte „Mia san Mia“, zusammen und insgesamt wird alles begründet mit „Das war schon immer so und deshalb bleibt es so!“. Die damit versteckte Expansion nach Außen sowie die Verdrängung alles Neuartigem oder Fremdem wird gleichermaßen als notwendig abgetan wie das zum lächerlichen und gedankenlosen Balztanz verkommene Schuhplatten.

Final bleibt zu sagen, dass die Intention der Produktion zwar erkennbar, jedoch nicht begreifbar ist. Thomas Huber und Ulrike Willenbacher können mit ihrer überspitzten und vor allem nackten Version von Marianne und Michael genau sowenig überzeugen wie Mathilde Bundschuh als junge Mama Bavaria oder Sibylle Canonica als depressive Moorleiche. Da hilft schlussendlich noch nicht einmal der Körpereinsatz von Yannik Stobener, der sich an einer Leitplanke festklammert und wie ein Reh im Scheinwerferlicht ins Publikum starrt. Wenigstens ist das Kunstblut rot und nicht grau.

Kritik: Anna Matthiesen