Wolfgangs Schlagermusical – „Wahnsinn!“ im Deutschen Theater (Kritik)

Warum schickst du mich in die Hölle? – Hölle, Hölle, Hölle!

Fans oder Schlagerphobiker – jeder kann mitsingen, wenn dieser Hit läuft. Im Laufe seiner Jahrzehnte dauernden Karriere hat Wolfgang (Wolle) Petry noch viele andere Songs mit Ohrwurm-Garantie herausgebracht, daher überrascht es wenig, dass diese mit Wahnsinn- das Musical mit den Hits von Wolfgang Petry nun wieder live zu sehen sind.

© Petra Schönberger

Nachdem Ende Februar in Duisburg Premiere gefeiert wurde, kommt das Musical über Berlin schließlich auch nach München. Die Premiere dazu fand am 17. Mai 2018 im Deutschen Theater statt.
Wie der Titel bereits sagt, wird hier nicht die Geschichte des Sängers nacherzählt. Nein, Martin Lingau und Heiko Wohlgemuthes schreiben eine eigene Story; es geht um vier Paare und deren Schicksale. Denn üblicherweise singen Schlagerstars über alles, was in der Liebe so passieren kann, dafür reicht nur ein Pärchen schwerlich aus. Die Story ist eine runde Sache, man hat nie das Gefühl, dass an manchen Momenten ein Song krampfhaft untergebracht werden musste.

Das Ensemble, die Charaktere? Sie reichen dabei von jung bis alt: Der begeisterte Nachwuchssänger (Thomas Hoher) und die temperamentvolle Italiener Gianna (Dorina Garuci), die Ewig-Verheirateten, die Jugendliebe nach Jahren, das frisch vermählte Elternpaar- alles ist dabei: Garuci genießt als junge Italienerin das Rampenlicht sichtlich, auch Hoher überzeugt als Musiker, der seinem Traum nachgeht, vollkommen. Den gutmütigen Brummifahrer, der nur das beste für seine Frau will und für sie zur Not auch zur Selbsthilfe oder zum Yoga geht, nimmt man Enrico de Pieri vollkommen ab, vor allem beim Singen der größten Hits wirkt er trotzdem nicht verzweifelt, sondern wie „der selbstbewusste Kämpfer für die Liebe“– ganz wie in Petrys Lyrics. Sabine, die einsame Ehefrau (Vera Bolten), schmettert die sehnsüchtigen Schlager mit ganzer Kraft. Vor allem bei langsamen Stücken hätte aber mehr Gefühl der Inszenierung Tiefe verliehen.

© Petra Schönberger

Mischa Mang gibt als „Wolf“ den authentischen Barbesitzer, der nach 25 Jahren seine Urlaubsliebe –„Jeeeeessica- einfach Jessica“ (Carina Sandhaus) wieder aufsucht, die, wie versprochen, ein eigenes Hotel gegründet und sich, attraktiv und geschäftstüchtig, dennoch all die Jahre für den Wolf der Jugend aufgespart hat. Damit bewegt sich die Story in den selben Narrativen wie das Genre, schließlich geht es auch beim Schlager immer um Liebesgeschichten, die so vielfältig sind, dass ein Pärchen eben kaum ausreicht. Extrem stark ist schlussendlich die Ruhrpottmama Gabi (Jessica Kessler), die sich in keinem Moment lediglich selbst feiert, sondern immer perfekt in der Rolle bleibt und sogar ihren Ehemann Karsten (Detlef Leistenschneider) mit ihrer Power in den Schatten stellt – mit dem Bügeleisen unterm Arm rockt sie mehr als Sohnemann Tobi mit E-Gitarre. Das Ensemble unterstützt mit Gesang und Tanz, vor allem mit den farbenfrohen Kostümen bietet sich das eine oder andere Gesamtbild an, zudem haben die Tänzer viel Freiraum zur Tanz-Impro. Wie viel Spaß sie dabei haben, ist jedenfalls unverkennbar. Oft legen auch in den Songs die Hauptdarsteller alle Energie in den Gesang, was die Melodien zeitweilig leider etwas abschwächt.

Die Handlung ist zwar leicht nachvollziehbar, für die Fans, die eigentlich feiern wollen, aber vielleicht etwas zu ernst, wird, nachdem man gerade begeistert aufgesprungen ist, um mit zu klatschen, doch gleich wieder über Trennung gesprochen. Trotz der ernsteren Themen gibt es aber viel zu lachen: die Zuschauer flippen aus, wenn der Yoga Lehrer (Patrick Ilmhof) seinen Allerwertesten über Peters Kopf streckt. Auf welcher Ebene sich dieser Humor bewegt, muss wohl nicht weiter erörtert werden, dennoch, er funktioniert bestens. Über Sätze wie „wann macht ein Mann beim ersten Versuch schon alles richtig“ freut sich das Publikum, doch leider auch das Vorurteil. Diese Geschlechterbilder finden sich aber bereits in Petrys Texten, die mit Fokus auf Romantik schlichtweg ein konservatives Rollenverhältnis bedienen.

© Petra Schönberger

Dafür hat  Heike Meixner ganze Arbeit geleistet: Um lange Umbaupausen zu vermeiden, entwickelte sie eine dreiteiliges Bühnenbild, welches durch das Drehen der Bauteile vom LKW zur Bar, vom Kinderzimmer zum Hotel wird. Auch die Kostüme beeindrucken durch Vielfalt: von Latzhosen über Sombrero bis zur Biene Maja ist alles dabei! Dem Publikum gefällt’s! Zwar kamen in München nicht die ganz großen Emotionen und ausrastenden Fans wie in Duisburg, Petrys Heimat, dennoch waren einige sogar als „Wolle“ verkleidet und die Resonanz durchgehend positiv. Da die Show schon in zwei Städten tourte, haben die „eingefleischten Liebhaber“ vermutlich einfach schon vorher die Gelegenheit ergriffen.

Obwohl man nicht komplett geplättet ist, „Wahnsinn!“ ist auf jeden Fall sehenswert und wird der musikalischen Vorlage vollkommen gerecht!

Kritik: Jana Taendler

Vielen Dank an Petra Schönberger von Events for You für die Bereitstellung einiger Bilder!