Komm mal rüber bitte – Von Wegen Lisbeth in der TonHalle (Konzertbericht)

Von Wegen… wer? Es ist ein schieres Phänomen, dass eine Band, die mittlerweile sogar über den Status der mittelgroßen Hallen hinaus ist, immer noch in der allgemeinen Bevölkerung absolut keinen Stand geschweige denn Namenskenntnis hat – man muss schon direkt in der Szene fragen, um selbstverständliches „Na klar kenne ich die!“ zu finden. Von Wegen Lisbeth mag also nicht jeder kennen – das hält sie nicht davon ab, die TonHalle gleich zwei Abende am Stück auszuverkaufen. Wir besuchen das zweite Konzert am 30. Oktober 2019.

Eigentlich könnte man es als verkaufstechnischen Selbstmord bezeichnen, Erst- als auch Zweitkonzert zeitgleich mit der zweitägigen Residenz von Seeed in der Olympiahalle zu legen, aber es scheint, trotz Publikumsüberschneidung, absolut zu klappen – alle vier Konzerte sind ausverkauft. Dementsprechend dürfen Blond um 20 Uhr bereits vor einer vollen Hütte spielen. Das nützt allerdings eher weniger, da sowohl der Ton zu leise als auch die Publikumsgespräche zu laut sind. Zwar spendieren sie dem Trio, bestehend aus den Kummer-Schwestern (ja genau, die Familie, bei der die männlichen Erzeugnisse in Kraftklub spielen) und Multi-Instrumentalist Johann, ausreichend und respektvoll Applaus, so ganz will die Poprock-Musik allerdings nicht zünden – die Ansagen sind zu erzwungen, die Songs zu eintönig. Womöglich gelingt ihnen das am 21. Februar 2020 im Hansa 39 beim eigenen Konzert dann besser, dann haben sie auch ihr erstes Album „Martini Sprite“ veröffentlicht.

Setlist: Hit / Thorsten / Sanifair Millionär / I Kissed A Girl (Katy Perry cover) / Book / Spinaci

© Nils Lucas

Nach der üblichen, theateresquen Verspätung startet um 21:05 Uhr endlich der Besuchgrund des Abends: Von Wegen Lisbeth. Diese zeigen mit dem Starttrio „Wieso“, „Chérie“ und „Westkreuz“ gleich zu Beginn die Zielrichtung des Abends: schnell und tanzbar. Zwar leiden sie wie Blond etwas unter der geringen Lautstärke, kompensieren das aber problemlos mit Performance und der Euphorie der Zuschauer – die singen nämlich beeindruckend lautstark mit und zeigen sich extrem textsicher, auch und gerade bei den neuen Titel. Bezeichnend dafür auch ein eingestreutes Singen von „Bitch“ inmitten des Sets, die stilvolle Variante des Aufmerksammachens auf den Wunsch des Hits. Zwar dauert es dann noch ein paar Liederchen, aber spätestens als die ersten Zeilen erklingen, ist es vorbei in der tanzenden Indie-Fan-Menge – Gejubel, Gesinge, Geschrei. An einem Mittwochabend.

Kritik hätte es am Ticketpreis gegeben, erzählt Frontmann Matthias Rohde, da er mittlerweile doppelt so hoch wie auf der ersten Tour sei: 29€. In München habe das witzigerweise keinen interessiert, bemerkt er lachend. Aber sie spielen ja auch doppelt so lange. „Der folgende Song ist also 1,16€ wert“. Und tatsächlich – satte 25 Lieder stehen auf dem Programm, über 110 Minuten spielen sich die Berliner Mannen durch ihr Set, stilecht inklusive einzigartiger Instrumente und des einen oder anderen Kinderspielzeugs. Das zieht zwar einige Längen und lyrische Totalausfälle wie „Gefährder“ mit sich, insgesamt bleibt Stimmung und Band aber bis zum bitteren Ende auf einem starken Level. „Wir kommen ja eigentlich aus dem Punk“, sagt Rohde. Mit Punk haben Von Wegen Lisbeth musikalisch mittlerweile so viel zu tun wie Andrea Berg mit Metal – und das ist auch nicht weiter schlimm. Ihr Pfad des tanzbaren und experimentellen Indies gibt ihnen Recht. Im Oktober 2020 gehen sie erstmals ins Zenith. Spätestens dann sollten auch endlich alle diesen Bandnamen kennen.

Setlist: Wieso / Chérie / Westkreuz / Lisa / Jede Ratte der U8 / Alles was ich gerne hätte / Meine Kneipe / Gefährder / Irgendwas über Delfine / Alexa gib mir mein Geld zurück! / Komm mal rüber bitte / Drüben bei Penny / Lang lebe die Störung im Betriebsablauf / 30 Segways, ein Ferrari / Sweet Lilly / Am wenigsten zu sagen / Das Zimmer / Lieferandomann / Freigetränke / Bitch / Wenn du tanztZugaben: Staub und Schutt / Der Untergang des Abendlandes / Nur ein Wort (Wir sind Helden cover) / Sushi

Bericht: Ludwig Stadler