‚Nichts ist gut genug!‘ – „Vom Fischer und seiner Frau“ im Deutschen Theater (Kritik)

Eine Kindheit ohne die Märchensammlung der Brüder Jacob und Wilhelm Grimm? Völlig undenkbar! Seit über 200 Jahren gehören die phantastischen Geschichten zu den populärsten und schönsten Erzählungen der deutschen Literatur und begeistern mit ihren längst unsterblich gewordenen Figuren gleichermaßen Jung und Alt.

Zu den beliebtesten Werken gehört dabei fraglos das Märchen „Vom Fischer und seiner Frau“, das im frühen 19. Jahrhundert von Philipp Otto Runge niedergeschrieben wurde. Im Rahmen der Brüder Grimm Festspiele in Hanau wurde die Geschichte in ein frisches Gewand gekleidet und im vergangenen Jahr als Musical in einer neuen Variante überaus erfolgreich uraufgeführt.

© Hendrik Nix

Das Deutsche Theater präsentiert das preisgekrönte Stück nun bis zum 12. August auch für das Münchner Publikum und bietet dabei, wie die gestrige Premiere gezeigt hat, Musical-Unterhaltung vom Allerfeinsten. Librettist Kevin Schroeder und Komponist Marc Schubring schufen ein musikalisches Epos aus dramatischen Balladen und mitreißenden Seemannsliedern, das ganz sicher keinen Vergleich mit den Blockbustern der Branche zu scheuen braucht. Schon das Klagelied „Er steht da“, ein Solo von Broadway-Star Anna Montanaro (als Ilsebill), ist an Kraft und Intensität kaum zu überbieten und bildet einen der zahlreichen Höhepunkte dieser Produktion. Ron Holzschuh liefert als nonkonformistischer Fischer Munk eine grandiose Vorstellung ab, dem Janko Danailow als rebellischer, gepeinigter Butt aber kaum nachsteht. ‚Jeder Wunsch verlangt nach einem Opfer‘…während Ilsebill, die Frau des Fischers, in ihrer Maßlosigkeit keine Grenzen mehr kennt, geht die Welt um sie herum zugrunde. Dass die Geschichte deutlich düsterer und empfindsamer angelegt ist als die Märchenvorlage, sollte dabei nicht unerwähnt bleiben. Zwar handelt es sich bei der Regiearbeit von Holger Hauer um ein Stück, das auch bei den zahlreichen Kindern in der Premierenvorstellung für Begeisterung und große Augen sorgen konnte, aber dennoch sind zentrale Themen, wie die Gleichheit und Freiheit der Geschlechter und die tiefen Einblicke in die Abgründe menschlicher Beziehungen, klar an ein eher erwachsenes Publikum gerichtet. Bei jedem Auftritt steigern sich dann auch das Leid und die Zerrissenheit des Buttes überdeutlich, dessen Rastlosigkeit auf der Suche nach Erkenntnis und Identität in die sichere Katastrophe zu führen scheint.

© Susanne Brill

Danailow gelingt die Darstellung der fatalen Entwicklung dabei absolut glaubhaft und er schafft es mühelos, die dargestellten Emotionen auch auf das Publikum zu übertragen. Überhaupt liefert das komplette Ensemble eine äußerst überzeugende Vorstellung ab, ein harmonisches Zusammenspiel, bei dem (fast) jeder Ton sitzt und jeder Szenenwechsel nahezu perfekt und flüssig choreographiert ist. Das Bühnenbild wirkt zwar durch die simplen Holzkulissen recht minimalistisch, lässt sich aber mit einfachsten Mitteln (z.B. blauen Fahnen und Lichtelementen) verwandeln und auf zwei unterschiedlichen Ebenen bespielen. Dadurch wird sogar der permanente Wechsel zwischen den Welten (unter und über Wasser) überzeugend und in geradezu genialer Art und Weise verbildlicht, ohne dass auch nur ein Stück der tollen Atmosphäre eingebüßt werden müsste. Das ganze audiovisuelle Spektakel wird von den prächtigen und fantasievollen Kostümen der Meeresbewohner und den passenden Trachten und Roben des Fischers und seiner Frau schließlich zum Gesamtkunstwerk veredelt.

Fazit: In jeglicher Hinsicht ein fantastisches Musical, das in seinen zweieinhalb Stunden niemals langweilt und für jeden, der noch eine Karte bekommt, beste Unterhaltung garantiert! Nichts ist gut genug? Von wegen!

Kritik: Hans Becker