Kiste der Träume – Vom Fliehen und Fliegen im Hofspielhaus

Der stupide Alltag und die Flucht in eine Traumwelt, vielleicht die eigene.
Darum geht es an diesem Theaterabend mitten in der Münchner Innenstadt. Allerdings findet sich die Schaulustigen nicht in den Kammerspielen oder dem Residenztheater ein, sondern im, ziemlich kleinen, Hofspielhaus. Um die Ecke von Schuhbecks Platzl führt eine steile Treppe nach unten. Die Bühne: flache Podeste, die ersten Sitzreihen: Klappstühle.

Was aber ist das Besondere an diesem knackigen Stück von nicht einmal 90 Minuten? „Vom Fliegen und Fliehen“ wird vor allem von zwei namenlosen Protagonistinnen getragen. Berivan Kaya, die durchsichtige dauerlächelnde Call Center Angestellte, und ihre Antagonistin: Fatima Dramé. Sie spielt den charismatischen, etwas überdrehten Verkäufer jenes Kramschladens, in dem man Träume kaufen kann. Wie verlockend sind Träume, wenn man in einem Alltag feststeckt, in dem täglich derselbe Trott befestigt ist, die selbe Zahnpastatube grüßt und man sich lieber zurückziehen würde, an karibische Strände, da man reif ist für die Insel.

Impulsiv versucht der Traumverkäufer einen im Ausblick zu eröffnen, auf das, was sein könnte, ohne den Moralapostel zu geben. Darmé wirkt mit den, ohnehin riesigen, aufgerissenen Augen dabei wie der verrückte Hutmacher, nur im Piratenkostüm. Kaya hingegen spielt die Karrierefrau, die vom Job eher gejagt wird als ihm nachzustreben, sehr pedantisch. Mit extremer Genauigkeit begeht sie die täglichen Rituale, sodass ihre Figur fast neurotisch wirkt. Die winzige Podest-Bühne teilt sich in den Bereich des Jobmenschen, Kleiderbügels, einer Bettdecke und den des Traumwarenangebotes.

© Peter Schultze

Aus einem Stapel von Kisten leuchtet verschieden farbiges Licht vielversprechende hervor. Wenn man sie öffnet, scheint man im Traum zu versinken, der mittels Beamer an der Bühnenrückwand erscheint. Der Traum der vom Rückenschmerz geplagten Burn-Out Kandidatin handelt nun von Palmen und Urlaubssonne. Der nicht zu unterschätzende Alptraum zeigt Kriegsbilder und der Ton wird auf höchste Stufe gedreht. Damit macht es sich Regisseur Sebastian Brummer etwas leicht. Auch treten beide Figuren und Carolyn Breuer als Stimme eines Schattens sehr überzeichnet auf. Eine Stimme kann auch verwunschen klingen, wenn nicht jeder S-Laut in die Länge gezogen wird. Das war der magischen Wirkung leider nicht zuträglich. Die musikalischen Einlagen von Dramé und Breuer waren allerdings wirklich schön, davon hätte ich auch gern noch mehr gehört.

Insgesamt haben sich die Beteiligten für die herausfordernde Probenzeit von zwei Wochen viel einfallen lassen, um das Konglomerat an Texten von Ingeborg Bachmann, Sebastian Brummer und Berivan Kaya auf die Bretter zu bringen. Bühne, Kostüm, Musik, alles folgte einem Konzept.

Mit diesen Elementen, wie dem farbigen Licht aus den Kisten, den Saxophon- und Gesangspartien, den Videoprojektionen von Schatten und Vervielfältigung, könnte Brummer eine ergreifende Stimmung erzeugen. Es fehlt ihnen aber allen an Zuwendung, so bleiben es Ideen, Konzepte, die aber nicht voll genutzt werden. Die Inszenierung von „Vom Fliehen und Fliegen“ hat also wirklich Potential, aber dafür, dass in diesem Theater alles möglich sein soll, darf es ruhig noch etwas verträumter sein.

Bericht: Jana Taendler