Verrückt – Eisbrecher im Spectrum (Bericht)

Irgendeine Adventsstimmung kommt weder im Regionalzug noch, sogar erst recht nicht, auf dem Augsburger Weihnachtsmarkt auf. Glühwein und Bratwurst in der Semmel sind zwar sicher Dinge, die sich wunderbar verkaufen und konsumieren lassen, sodass Käufer und Verkäufer glücklich sind, aber mit Besinnlichkeit und Gemeinschaft hat das alles wenig zu tun. Dabei muss man in dieser schönen Stadt (die zwar nicht München, aber irgendwie immer noch als Einzugsgebiet abgenickt werden kann) nur ein wenig weiterziehen, in, denn an diesem Freitagabend, 15. Dezember 2017, findet im Spectrum, ein kleiner Club im Kriegshaber-Viertel, das sogenannte „Adventssingen“ statt. Veranstalter dieses mistelzweigfreien Konzertabends sind Eisbrecher, die zwar dem Club schon maßlos entwachsen und üblicherweise in südbayerischen Gefilden das mindestens sechsfache in die Hallen ziehen, aber letztendlich mag ja genau das der Grund sein, wieso man sich bereits zum zweiten Mal in Folge für dieses Format entschieden hat.

Innerhalb einer Stunde waren alle Karten vergriffen, als man den Start des Vorverkaufs ankündigte. Dementsprechend sehnsüchtig und lange warten alle Besucher schon auf ihr Konzert im kleinen Rahmen, um den Eisburschen und ihrer Musik ganz nah zu sein. Dabei sind die Herren, allen voran Frontmann Alexander Wesselsky, ziemlich bekannt dafür, immer für Fans und Publikum da zu sein. So ist Ebengenannter bereits kurz nach Öffnung der Türen, die zum Glück der in der Kälte Wartenden schon ein wenig früher sich vollzog, in der Halle unterwegs, unterhält sich mit altbekannten Gesichtern und steht auch, nachdem ihn doch einige Fans entdeckt haben, fleißig für Autogramme und Fotos bereit.

Irgendwann findet aber auch das ein schnelles Ende, denn um 20 Uhr sollte ja der Support-Act starten, bei dem doch zwei ziemlich bekannte Gesichter dabei waren. „Jürgen und ich“, also Gitarrist Jürgen Plangger und Wesselsky als „ich“, beide am Mikrofon und mit Akustik-Klampfe bewaffnet, reden erst einmal heiter vor sich hin, bevor sie ihr musikalisches Set mit den Stücken eröffnen, die zu einer jeden guten Weihnachtssause gehören: „Kling Glöckchen Kling“, „Stille Nacht“ und „Last Christmas“. Aus dem Spaß der vorherigen Jahre, den Schlager „Tränen lügen nicht“ zu spielen, hat sich kurzerhand für dieses Jahr ein Name und ein 20-Minuten-Slot ergeben – außerdem erstmals T-Shirts am Merchstand, mit der wunderbaren Aufschrift am Rücken: „Zu allem bereit, zu nichts zu gebrauchen“. Die Zugaben „Hello Again“ und den Titelsong zu „Biene Maja“, im Original von Karel Gott, bringt die Menge zum erschreckend textsicheren Mitsingen und natürlich lautstarken Lachen. Da sich beide für das kommende Hauptkonzert noch umziehen müssen, findet es um 20:25 Uhr sein wohlverdientes Ende. Eine nette Idee, das auf jeden Fall.

Setlist: Kling Glöckchen Kling / Stille Nacht, heilige Nacht / Last Christmas / Hello Again / Biene Maja

Um 20:40 Uhr erlischt kurzerhand das Licht und ein altbekanntes Intro wummert durch die Boxen. „Sturmfahrt“ lässt Eisbrecher auf der wirklich recht kleinen Bühne erscheinen und das Publikum gleich zu Beginn ordentlich mitmachen. Aufgrund der Platzbeschränkungen hat man auch selbstredend auf die sonst recht üppige Bühnenkonstruktion verzichtet, wie sie zuletzt bei der Herbst-Tour zum Album im Münchner Zenith zum Einsatz kam (wir berichteten) – einiges von der eigenen Lichtanlage hat man glücklicherweise trotzdem mitgebracht, sodass natürlich das Niveau der absolut fantastischen Lichtshow bei großen Konzerten nicht erreicht wird, aber immerhin ein sehr solides allemal.

Weit mehr ist aber die Liederauswahl. Hier wiederholen sie sich nicht einfach und kopieren die „Sturmfahrt“-Setlist, sondern tauschen einiges aus und präsentieren dafür nicht mehr allzu oft gespielte Nummern wie „Antikörper“, „Augen unter null“ und „Herzdieb“. Dafür weichen müssen zwar einige neue Lieder, aber die drei des aktuellen Album gespielten Tracks dürften auch die beliebtesten sein: der Titeltrack, „Das Gesetz“ und natürlich die knüppelharte Ansage „Was ist hier los?“
Allgemein geben sich die Herren sehr politisch an diesem Abend. Zwar sind die Musiker noch nie unpolitisch gewesen, aber in so ausführlicher Form ist es doch seltener. In den Ansagen scheut Frontmann Alex keine Möglichkeit, soweit sie sich bietet, um auf einige Missstände aufmerksam zu machen und dabei gelegentlich Denkanstöße zu geben. Trotz der Seitenhiebe gegen die bayerische Allmacht-Partei CSU (die mir sehr gut gefallen haben, also die Seitenhiebe, Anm. des Autors) bleiben die Ansagen aber fast auf zu platten Niveau, da wäre mehr drin gewesen. Ausführlicher und analytischer geht es da glücklicherweise in den Liedern wie „This Is Deutsch“ und „Himmel, Arsch und Zwirn“ zu.

Die große Frage bleibt aber bestehen: Wie sind Eisbrecher im kleinen Rahmen? Und die Antwort ist gar nicht so einfach, final zu finden. Was fehlt, ist die tatsächlich sehr mächtige und opulente Lichtshow, auch der imposante Bühnenaufbau ist schlichtweg nicht dabei. Ein riesiger Vorteil ist natürlich die Förderung des Entertainers: Wesselsky kann sich mit dem Publikum spielen, wie es ihm gefällt. Schön ist auch der Sound, denn, auch wenn er glasklar ist, hört man absolut, dass das gespielte definitiv live ist, während in den großen Hallen oft der Klang zu geleckt wirkt. Es ist in jedem Fall ein schönes Erlebnis, das die Herrschaften nach knapp zwei Stunden um 22:35 Uhr mit „Ohne Dich“ zu Ende gehen lassen.

Setlist: Sturmfahrt / Das Gesetz / Antikörper / Fehler machen Leute / Augen unter null / Amok / So oder so / Leider / Prototyp / Himmel, Arsch und Zwirn / Herzdieb / Eiszeit / 1000 Narben / Was ist hier los? / This Is DeutschZugabe 1: Verrückt / Miststück 2012Zugabe 2: Ohne Dich

Fazit: Fraglos ein schönes Erlebnis, so eine Band, die man nur noch in großen Hallen sehen kann, in einem kleinen, intimen Rahmen, wie es das letzte Mal vor vielen Jahren möglich gewesen sein dürfte, erleben zu können. Eisbrecher überzeugen mit einer vollen Headliner-Show, viel Witz und Verstand, einer tollen Setlist und einer sehr amüsanten Vorband-Einlage. Abschließend schließen wir uns gern den Worten von Alex an: Vergesst an Weihnachten und darüber hinaus niemals drei Dinge: Respekt, Toleranz und dass der Planet nicht uns gehört.

Die Fotos (außer das „Jürgen und ich“-Logo) stammen von unserem Fotografen Ingo Höchsmann aus dem Eisbrecher-Konzert am 3. Oktober 2017 im Zenith München.