Auf Zeitreise zwischen Euphrat und Tigris – „Ur“ im Marstall (Kritik)

Wüstensand rieselt durch die Decke und das Bühnenbild, angelehnt an altertümliche Monumentalarchitektur, entführt das Publikum gleich zu Beginn der Premiere von ‚Ur‘ in die Welt der sagenumwobenen Hochkultur der Sumerer. Dort, im Süden Mesopotamiens, haben deutsche Forscher im Namen Wilhelms II. nicht nur die Aufgabe, nach den Ursprüngen des Christentums zu suchen, sondern auch nach vermeintlichen Beweisen, die das Deutschtum per se als Kriterium der Überlegenheit historisch legitimieren. „Am deutschen Wesen soll die Welt genesen“, wird nicht umsonst im Kaiserreich propagiert. Jedoch sind die Funde und ihre Lesart, das wird schnell deutlich, keineswegs frei von Interpretationsspielräumen. Schon früh verfängt sich das Team der Wissenschaftler um Friedrich Delitzsch (Gunther Eckes) und Robert Koldewey (Bijan Zamani) im Netz der individuellen Anschauungen und Ideologien. Die Aneignung von Kultur und Religion im Sinne der eigenen politischen Agenda bildet damit auch einen der zentralen Aspekte der Inszenierung.

© Julian Baumann

Autor und Regisseur Sulayman Al Bassam beschränkt sich dabei jedoch nicht nur auf die Zeit des Imperialismus, sondern springt mit Hilfe gekonnt arrangierter Kostüm- und Lichtwechsel von Zeitebene zu Zeitebene. So findet sich der Zuschauer nach den Geschehnissen des frühen 20. Jahrhunderts plötzlich in den Kriegsgebieten der Gegenwart und bald darauf auch im Irak der Zukunft wieder. Terroristen des Islamischen Staates morden und demonstrieren ihre Macht. Sie zerstören alle Symbole fremder Weltanschauung und verkünden ihre eigene dunkle und fundamentale Doktrin. Im krassen Gegensatz dazu steht das grelle, futuristische Mossul des Jahres 2035. Wiederaufgebaut wirkt es wie eine Lifestyle-Metropole, in der die Artefakte aus der Vergangenheit nicht mehr sind als Ausstellungs- und Dekorationsobjekte. So groß die Brüche und die Sprünge auf der Zeitachse dabei auch sein mögen, sie werden durch den Fixpunkt des Stückes – den Mythos um die Zerstörung von „Ur“ und dem Schicksal seiner Herrscherin Nin-Gal (Lara Ailo) – zusammengehalten. Das Klagelied von „Ur“, entdeckt als Fragment auf einer Tontafel, ist ein Appell an die Freiheit und Gleichberechtigung der Geschlechter und proklamiert zugleich eine Politik der totalen Öffnung. In ihrer Absolutheit verzichtet Nin-Gal auf die militärische Verteidigung der Stadt und nimmt damit deren Untergang in Kauf. Stimmungsvoll untermalt mit arabischen Gesangsstücken, kämpft sie für die sozialen und intellektuellen Werte ihrer Kultur, während der materielle und physische Fortbestand ihrer Heimat den Angreifern zum Opfer fällt. Die Stadt darf fallen, damit im Gegenzug der Geist von Offenheit und Liebe für immer überdauern kann.

© Thomas Dashuber

Zwar überzeugt das Ensemble aus deutschen und arabischsprachigen Schauspielern insgesamt auf ganzer Linie, doch ist Lara Ailo in der Rolle der weiblichen Hauptfigur zweifellos die herausragende Persönlichkeit des Abends. Ihr expressives und hingebungsvolles Spiel verleiht der Herrscherin erst die notwendige Stärke und Überzeugungskraft, um Nin-Gal als derart radikale Reformerin gesellschaftlicher Strukturen glaubwürdig erscheinen zu lassen.

Dass der Kampf um Frieden, Offenheit und Freiheit im Nahen und Mittleren Osten noch lange nicht zu Ende ist und die Parallelen zu heutigen Geschehnissen unverkennbar sind, lässt Sulayman Al Bassam innerhalb der etwas mehr als 90 Minuten dauernden Aufführung immer wieder deutlich erkennen. So inszeniert er die Zerstörung von Ur im Stile der Angriffe auf Aleppo und Homs und scheut sich dabei nicht, auch den Einsatz von Giftgas anzudeuten. Nicht nur in diesem Augenblick verharrt das Publikum in absoluter Stille. Um das Stück in seiner Komplexität zu erfassen, erlaubt Al Bassam seinen Zuschauern nur wenige Phasen der geistigen Entspannung. Am Ende aber steht die klare Erkenntnis: das Klagelied von Ur – es ist bis heute nicht verhallt!

Fazit: Anspruchsvolle, manchmal etwas schwere Tragödie, die insgesamt durchaus zu überzeugen weiß.