Durch die schweren Zeiten – Udo Lindenberg in der Olympiahalle (Konzertbericht)

Herbert Grönemeyer, Peter Maffay, Die Toten Hosen – viele alte, große Rock-Legenden aus Deutschland gibt es nicht mehr, die noch aktiv touren. Eine von ihnen ist definitiv Udo Lindenberg, der legendäre Panikrocker, dessen Auftreten und Image wahrscheinlich sogar noch ein wenig bekannter ist als seine Musik. Erst im Frühjahr hat er sein zweites MTV Unplugged-Album veröffentlicht, nun geht er auf große Tour – verstärkt, nicht unplugged. Sehnsucht habe er schon bekommen, erzählt er. Das bekommt man zu spüren in der mit 12.500 Menschen restlos ausverkauften Olympiahalle an diesem Dienstag, 18. Juni 2019.

© Tine Acke

Punkt 20 Uhr: die riesige Leinwand springt an. Feuer. Eine Pyro-Explosion. Die Panik-Band betritt die Bühne und beginnt mit einem instrumentalen Intro, im Hintergrund erscheinen nach und nach Tänzer als Udo verkleidet. Der echte und einzig wahre Udo Lindenberg kommt letztendlich von einem Podest auf den Steg herabgefahren – ein würdiger Auftritt für eine lebende Legende wie ihn. Aber schon bei den ersten Tönen hört man: irgendwie versagt seine Stimme. Und spätestens nach „Mein Ding“ und seiner ersten Ansage wird klar: er hat sich einen Bazillus eingefangen. „Ihr habt die Nachtigall lange nicht mehr so heißer gehört“, scherzt er. Die Stimme komme schon irgendwann im Laufe des Konzerts. Und tatsächlich, nach rund 100 Minuten, pünktlich zu den großen Hits, kommt sie tatsächlich in das Kehlchen des Rock-Sängers zurück. Der Weg bis dahin: oft zäh. Aber Udo zieht durch, für seine Fans. Die wissen das zwar zu würdigen, so recht will der Funke in Anbetracht der Situation aber nicht überspringen.

Dass ihn so eine Krankheit relativ wenig schert, ist erstaunlich. Mit seinen 73 Jahren präsentiert er sich immer noch äußerst bewegungsfreudig, rennt über die Bühne, schwingt sein Mikrofon und torkelt in bester Udo-Manier im Kreis, links, rechts, einfach überall umher. Gesanglich, wenngleich auch anfangs mit viel Durchhaltevermögen verbunden, kann er es immer noch und trifft auch die hohen Töne noch problemlos. „Danke für eure Geduld mit meiner Stimme“, manifestiert er noch einmal. Seine fantastische Panik-Band (nicht Orchester!) unterstützt ihn aber die gesamten 165 Minuten so stark, dass es kein musikalischer Super-GAU wird. Insbesondere die Gesangsfraktion um die Frontfrau Deine Cousine kann überzeugen und glänzen. Und spätestens bei einem Überraschungsauftritt von Comedy-Urgestein Otto Waalkes ist der Jubel groß – die eigenwilligen Sting– und AC/DC-Covers „Friesenjung“ und „Aufm Heimweg wird’s hell“ inklusive.

© Tine Acke

Und während der ganzen Show, die deutlich mehr klotzt statt kleckert, stellt sich die Frage, wieso all die AfD-Jünger eigentlich nicht Lindenberg als Feindbild gewählt haben, so linksorientierte politische Statement wie er abgibt. Beispielhaft fordert er die Ehe für alle in der katholischen Kirche (indem er zwei Nonnen und zwei Priester sich auf der Bühne küssen lässt) und lobt das Engagement um Fridays For Future, insbesondere auch Greta Thunberg. Vor dreißig Jahren haben sie den Song „Ratten“ geschrieben, damals habe es auch schon gebrannt, heute immer noch. „Wir haben keine Zeit mehr für Geduld“. Ebenso für die Rechtspopulisten hat er ein paar deutliche Worte übrig: „Bevor die Demokratiefeinde zum Zug kommen, müssen wir handeln“. Von seiner üblichen Lässigkeit ist er in den deutlichen Ansagen stark entfernt. Auch der verhältnismäßig große Einsatz von singenden Kindern und einem 16-köpfigen Kinderchor, der u.a. bei „Wozu sind Kriege da?“ hinzukommt, zeigt: Udo engagiert sich immer noch und ist sich dessen wohl bewusst, dass Kinder die Zukunft sind. Alter muss nicht gleich zu Starrsinn führen, von einem verbitterten Ewiggestrigen ist er meilenweit entfernt.

Ansonsten verkörpert Udo Lindenberg aber einfach das, was er seit Jahrzehnten schon tut: der coole Rocker, der sich um nichts schert und eben einfach sein Ding durchzieht. Als seine Stimme sich wieder gezeigt hat, ist der Griff zur Zigarre und dem Weißbier nicht weit weg. Dabei ist er überraschend reflektiert über seinen Alkoholkonsum in „Lady Whiskey“. Überhaupt: „Mein Body und ich“, die kleine Ode an seinen Körper, der schon einiges durchmachen musste, wird zu einem Highlight des Abends. Wie er das alles überstehen konnte, den Alkohol, den Konsum, das weiß er selbst nicht so genau. Andere Kollegen hat es bereits erwischt. „Irgendwann komm ich nach“, schmunzelt er. „Aber erst in 30 Jahren!“ Er bleibe eben auch mit 73 Jahren der „ewige Rock’n’Roller“, nur alleine auf Balladen hat er keine Lust. Gegen Ende des Konzerts erscheint auf der Leinwand ein Satz, der deutlicher für den Panikrocker kaum stehen könnte: „Eines Tages müssen wir alle sterben – aber an allen anderen Tagen nicht.“

Setlist: Woddy Woddy Wodka / Honky Tonky Show / Mein Ding / Durch die schweren Zeiten / Du knallst in mein Leben / Du heißt jetzt Jeremias / Ich brech‘ die Herzen der stolzesten Frau’n (Heinz Rühmann cover) / Wozu sind Kriege da? / Ratten / Straßenfieber / Ich träumte oft davon, ein Segelboot zu klauen / König von Scheißegalien / Alles, was sie anhat, ist ihr Radio / Lady Whiskey / Mein Body und ich / Das Leben / Sternenreise / Cello / Wir ziehen in den Frieden / Bunte Republik Deutschland / Friesenjung (Sting cover) / Friesenjung (Sting cover) / Auf dem Heimweg wird’s hell (AC/DC) / Stärker als die Zeit / Horizont / Johnny Controlletti / Sonderzug nach Pankow / Alles klar auf der Andrea Doria / Candy Jane / Reeperbahn 2011 / Eldorado / Goodbye Sailor / Odyssee

Bericht: Ludwig Stadler