Sex Magick – Twin Temple & Hexvessel im Backstage (Konzertbericht)

Im Jahre 2020 ist Satan „in“ wie nie zuvor: Bands wie Ghost schießen aus dem Boden und schreiben sich Satanismus groß auf die Flagge, und das mit Erfolg. Was als der Trend begann, hauptsächlich der Empörung und dem Brechen von Tabus galt, ist mittlerweile schlichtweg Mode. Leggings mit umgedrehten Kreuzen, Pentagramme und T-Shirts mit „edgy“ Satanismus-Sprüchen hängen bei H&M. Twin Temple springen auf diesen Zug auf und machen eigentlich im Grundprinzip genau das, was Ghost erfolgreich gemacht hat: Sie kombinieren harmlos melodiöse Lieder mit satanischem Textgut, nur mit dem Unterschied, dass Rock schon fast eine Übertreibung ist. Twin Temple spielen nach eigener Aussage satanischen Doo Wop, Amy Winehouse trifft die Beach Boys und…eben Satan. Nun waren sie am 11. Februar 2020 im Backstage München. Wie aber setzt das Duo diese poppige schwarze Messe live um?

© Andy Ford

Erst einmal gar nicht, denn den Anfang machen die in Finnland ins Leben gerufenen Hexvessel. Diese Truppe ist deutlich mehr, als der erste Eindruck vermittelt: Sänger Mat McNerney, auch bekannt als „Kvohst“, ist neben seinem Neofolk-Ausflug mit Hexvessel nämlich auch unter anderem Sänger der Avant Garde Black Metal-Truppe Dodheimsgard gewesen, bevor er mit Beast Milk und später Grave Pleasures den Post-Punk wieder modern gemacht hat. Eine beeindruckende Karriere, bei der Hexvessel oftmals vergessen wird – und das absolut zu unrecht. Mit etwa 40 Minuten Spielzeit vor einer doch eher ungewöhnlichen Gruppe und einer völlig anderen Musikrichtung zeigen Hexvessel, was sie können. Einprägsame, innovative Folk Melodien treffen auf einen stark von der Psychedelic-Phase der frühen 70er-Jahre geprägten Rock. Das Keyboard und die Violine geben dem ganzen einen atmosphärischen und vor allem authentischen Spin und das Gesamtpaket ist einfach überzeugend. Überragend zusammengestelltes Liedgut und eine Band, die mit Herz und Seele dahinter steht. Der einzige Wermutstropfen ist, dass dieser überragende Auftritt deutlich zu früh zu Ende ist – da bleibt nur zu hoffen, dass sie trotz zahlreicher Nebenprojekte bald wieder auf Tour gehen.

Setlist: Earth Over Us / Ancient Astronaut / Teeth Of The Mountain / Son Of The Sky / Demian / Fire Of The Mind (Coil cover) / Transparent Eyeball / Woods To Conjure

Weiter geht es mit Twin Temple und ihrer satanischen Messe. Mit ein paar umgedrehten Kreuzen auf Bannern, sowie Kelchen und Schwertern auf ihrem kleinen Altar platziert, wird versucht, das ganze Konzept glaubwürdig zu gestalten, allerdings nehmen sich Twin Temple dennoch zum Glück selbst nicht zu ernst. Wer zum Beginn bereits einen Abstecher an den Merchstand gemacht hat, wird gemerkt haben, dass es die Preise in sich haben: 30 Euro für ein Tourshirt bei einer Club-Tour war für viele Anwesenden schon ein herber Stich in das Fan-Herz. Andererseits merkt man zu Beginn der Show direkt, wofür diese Preise aufgerufen werden. Die Band um die beiden Protagonisten trägt eine einheitliche Abendgarderobe in schwarz, inklusive dem obligatorischen umgedrehten Kreuz um den Hals, die Parallelen zu Ghost sind, schon bevor die Gruppe einen Ton spielt, unverkennbar. Natürlich darf auch die Eröffnungszeremonie nicht fehlen: In klischeehaften Outfits schwingen die Protagonisten die Zeremonienschwerter und lesen aus einer Art satanischen Bibel, positionieren sich hierbei gleichzeitig gegen soziale Missstände wie Sexismus, Rassismus und sonstige negative Punkte auf der Agenda des 21. Jahrhunderts.

Musikalisch präsentiert die sechsköpfige Gruppe eine Mischung aus souligem 50s-Gesang und passender Surf Rock Instrumental-Untermalung. So eine satanische Wundertüte hat es natürlich vor dem üblichen Münchner Publikum schwer, denn die konservative Einstellung ist spürbar im Club, dennoch ziehen sie ihr Programm ohne Kompromisse durch. Zur Mitte des Sets kommt erneut ein kleiner Auszug aus der satanischen Bibel, inklusive der unfreiwillig humoristischen Taufe einer Dame aus dem Publikum, die mit unfassbar übertriebener Theatralik und mangelhaften Englischkenntnissen ohne böse Absicht diese Intermission sabotiert. Der Sound ist gut ausgemischt, lediglich die Gitarre kreischt förmlich aus dem maßlos überforderten Fender Reverb Amp, der kurze Zeit später dieser Lautstärke-Belastung erliegt. Notgedrungen überspielen sie in einer viertelstündigen Zwangspause die technischen Probleme mit dem üblichen „Welche Seite des Clubs ist lauter“ und erstaunlicherweise spricht dies das Publikum in München fast mehr an als das gesamte musikalische Schaffen davor. Mit der Gitarre nun direct in den Boxen ohne zwischengeschaltenen Amp erledigt sich auch das Lautstärke-Problem, und obwohl natürlich der stilprägende „Twang“ fehlt, ist der Sound nun deutlich besser als zuvor. Zu guter letzt wird das Publikum noch mit (hoffentlich) Kunstblut bespritzt und angemalt und nach knappen 90 Minuten ist die schwarze Doo Wop-Messe auch schon vorbei.

Setlist: In LVX / The Devil (Didn’t Make Me Do It) / I Know How To Hex You / Let’s Hang Together / Lucifer, My Love / Sex Magick / Satan’s A Woman / Santa Muerte / I Am A Witch / Femme Fatale / I’m Wicked

Das Fazit ist simpel, so unkonventionell das Konzept hinter Twin Temple ist, so durchwachsen war auch ihr Auftritt. Nicht nur wegen technischer Probleme und einem starren Publikum, sondern auch wegen einer etwas unrealistischen Erwartungshaltung und dementsprechendem Auftreten. Das darf man an dieser Stelle nicht falsch verstehen, unterhaltsam war es allemal, nur für das nächste Mal sollte man sich überlegen, ob man sich nicht auch im Aspekt des Bühnenauftritts etwas mehr an Ghost und Konsorten orientiert und vielleicht nicht gar so theatralisch übertreibt, das wirkte an mehreren Stellen etwas lächerlich mit einem Hauch von Fremdscham. Hexvessel auf der anderen Seite zeigen sich von ihrer besten Seite und überzeugen auf ganzer Linie, jetzt schon ein Highlight 2020.

Bericht: Luka Schwarzlose