All Time What – They Might Be Giants im Ampere (Konzertbericht)

Die Anzahl der Lieder, die sie geschrieben haben, ist schier nicht mehr zählbar, aber die Bandjahre dafür schon: 36 Jahre. So lange musizieren They Might Be Giants bereits zusammen – oder besser gesagt, die Köpfe dahinter: John Flansburgh und John Linnell. Mit Songs wie „Birdhouse In Your Soul“ und „Boss Of Me“ haben sie wahre Hits geschaffen, die es auch über den Teich zu uns nach Europa geschafft haben. Das alles ist zwar schon verdammt lang her, aber dennoch machen sich die Musiker wieder einmal auf den Weg nach München, dieses Mal am 25. September 2018 ins Ampere im Muffatwerk.

Satte 24 (!) Jahre ist es her, dass die US-College-Rocker die bayerische Landeshauptstadt beehrt haben, damals noch im Tilt an der Donnersbergerbrücke, das im Folgejahr des Konzerts auch bereits wieder geschlossen wurde. Nun also im wunderschönen Ampere, das womöglich gar nicht besser passen könnte: die Location ist schön, gepflegt und passend für das durchgehend ältere Publikum, die Akustik ziemlich stark und von überall hat man einen wunderbaren Blick auf die Bühne. Der Club ist tatsächlich bis zum Rand gefüllt und steht faktisch kurz vor Ausverkauf, als They Might Be Giants mit der Verspätung einer akademischen Viertelstunde um 20:45 Uhr beginnen. „The Communists Have The Music“ bildet den Startschuss für ein songreiches und langes Konzert.

So arg lang scheint es anfangs allerdings gar nicht, denn bereits nach nicht einmal 50 Minuten verlassen die sechs Musiker wieder die Bühne für eine 20-minütige Pause. Eine Vorband gibt es nicht, dafür eben zwei Sets. Davon beinhaltet auch jedes 13 Songs, eine schöne Anzahl, vergisst man dabei die wahnsinnig kurze Laufzeit der einzelnen Songs nicht – selten geht in Lied über drei Minuten, der Großteil pendelt sich bei rund zwei Minuten ein. Verlängert werden manche Songs dennoch mit „Extended Versions“, sei es bei „Spy“ oder dem bekannten „Istanbul (Not Constantinopel)“. Das ist dann auch immer der Moment, in dem Musiker zeigen dürfen, was sie alles können. Und das ist viel! Gefühlt tausendfach vorgestellt, bewerfen sich die Instrumentalisten gern mit Solos. Einen besonders hervorstechenden Mann gibt es nicht – vom Gesang bis zur Trompete harmoniert alles beim besten Sound perfekt.

„Wir sind very glücklich to be here“, denglisht Linnell zusammen. Die Lacher sind laut, aber auch bei den anderen ulkigen Ansagen mit etlichen Witzen. So philosophieren beide, wieso die Statue des Komponisten Orlando di Lasso neben dem Bayerischen Hof eigentlich mit Michael Jackson-Fotos vollgekleistert ist und dass die beiden Fanschilder (mit den Beschriftungen „Bib“ und „Bob“) von zwei begeisterten Besuchern in Reihe Zwei sicherlich als Hassfigur für die hinteren Reihen fungieren. Ansonsten konzentrieren sich die beiden Johns eher auf ihre Musik, die sich streckenweise in Windeseile darbieten. Ein Ü50-Konzertbesucher tanzt derweil eskalativ vor dem Aufgang zur Galerie – „Damn Good Times“ dürfte für ihn gerade wörtlich werden.

Allerdings bleibt, trotz wunderbarer Rahmenbedingungen, ein fader Beigeschmack: die Setlist. Mit 31 Songs ist sie ausführlich und mit einigen Highlights gespickt, dennoch bleibt letztendlich die riesengroße Frage, wieso man so eine außergewöhnliche Liederfolge ausgewählt und damit etliche Hits verstoßen hat. Ihre größten Hits „Don’t Let’s Start“, „Your Racist Friend“ und natürlich vor allem „Boss Of Me“, wodurch man TMBG hier auch weitläufiger kennt, fehlen allesamt, stattdessen fallen mit u.a. „Subliminal“, „She’s An Angel“, „Memo To Human Resources“ oder „She’s Actual Size“ unzählige bedeutungslose und eher stimmungssenkende Nummern in die Abend-Liederfolge. Bei einer über 20-jährigen Live-Abstinenz eher unpassend. Das hat auch zur Folge, dass die Stimmung zwar durchgehend gut, aber nie wirklich ganz besonders ausgelassen ist. Nur kurz, ganz kurz, bei „Birdhouse In Your Soul“, da taut das Publikum im Ampere vollkommen aus – doch dann ist das Konzert um 23:10 Uhr auch schon aus. Schade.

Set 1: The Communists Have The Music / Subliminal / The Famous Polka / Particle Man / Hey, Mr. DJ, I Tought You Said We Had A Deal / Damn Good Times / Mrs. Bluebeard / All Time What / Doctor Worm / She’s An Angel / Authenticity Trip / I Left My Body / Spy

Set 2: Applause Applause Applause / I Like Fun / A Self Called Nowhere / Letterbox / Istanbul (Not Constantinopel) (The Four Lads Cover) / Memo To Human Resources / Let’s Get This Over With / The Guitar (The Lion Sleeps Tonight) / Fingertips / She’s Actual Size / The End Of The Tour / New York City (cub Cover) / The MesopotamiansZugaben 1: Number Three / Spider / BangsZugaben 2: How Can I Sing Like A Girl? / Birdhouse In Your Soul

Bericht: Ludwig Stadler