Ein erstes Lebenszeichen – „Theaterparcours“ im Residenztheater (Kritik)

Am 10. März endete mit „Vor Sonnenaufgang“ jäh die reguläre Spielzeit im Residenztheater wie auch an unzähligen anderen Theatern und Konzerthäusern der Stadt, zwei Tage später fanden die letzten kleineren Konzerte statt, seitdem – Stillstand. Lockdown. Pandemie. Nun, knapp drei Monate später, scheint die Ausbreitung einigermaßen im Griff, die Zahlen der (Neu-)Infektionen sinken konstant, die strikte Zeit ist vorbei. Zwar ist es noch nicht soweit, wieder im vollbesetzten Theatersaal zu sitzen, aber ein erster kleiner Schritt ist richtig, wichtig und passiert so am Samstag, 6. Juni: der Theaterparcours im Residenztheater.

© Adrienne Meister

Offiziell dürfen die ersten Veranstaltungen erst wieder ab 15. Juni stattfinden, dann limitiert auf 50 Personen im Innenraum. Das Resi hat sich daher für einen Parcours im Stil eines Museums entschieden – an verschiedenen Stationen im Haus spielen Ensemblemitglieder kurze Ausschnitte aus bekannten Inszenierungen, die sie sich, auch zwecks der Kurzfristigkeit, selbst aussuchen konnten. Im Zehn-Minuten-Takt starten zwei Gruppe mit je vier Personen, die einen verschiedenen Weg im Theater laufen. Wir laufen den Parcours B ab, der uns unter anderem in das Magazin und die Kantine führt. Parcours A, den wir kommenden Sonntag für euch ansehen werden, beinhaltet einen Ausflug hinter die Bühne und in die blaue Grotte. Welche Monologe oder Dialoge man sehen darf, bleibt ungewiss. Zwar hat jeder Stopp ein paar mögliche Optionen, aber wer nun letztendlich dort wartet, bleibt ein Rätsel.

© Adrienne Meister

Ab dem Eintritt im Einlassfoyer gilt: Mund-Nasen-Schutz. Der ist zwar nervig, aber wenn man eine leichte und für die Atmung freie Maske verwendet, hält man die insgesamt fünfzig Minuten problemlos aus. Den Startschuss machen Noah Saavedra und Elias Eilinghoff mit Auszügen aus „Olympiapark In The Dark“ und ihren beiden Celli, bevor es über das Foyer in die Schöne Aussicht geht. Die Stühle sind allesamt weg, stattdessen geht der Blick auf den Max-Joseph-Platz. Genauer gesagt: auf Yodit Tarikwa, die von Benito Bause an der Gitarre begleitet wird. Ob wir auf der #BlackLivesMatter-Demo waren, fragt Bause zum Einstieg, was wir natürlich bejahen können. Das bricht das Eis auf ordentliche Distanz und schon beginnen die beiden mit einem Jazz-Standard, dem sie noch ein weiteres Lied anhängen. Klar, natürlich kommt die Musik im Endeffekt aus den Boxen und die beiden Ensemble-Mitglieder befinden sich nicht nur im Mindestabstand, sondern gleich außerhalb des Gebäudes, doch dennoch: der Effekt wirkt. Und die Musik sowieso.

Weiter in den Zuschauerraum, genauer gesagt: auf den Balkon. Das Gefühl, die vollkommen leeren Ränge zu durchstreifen, hat man maximal, wenn man voreilig in den Saal rennt, direkt bei Türöffnung. Nun ist das ganze seit Monaten still, der Zutritt ist zaghaft, die Atmosphäre ganz klischeehaft: fremd und doch vertraut. Mareike Beykirch widmet sich im „Olympiapark In The Dark“-Outfit dem Wandgemälde von Fred Thieler und philosophiert über die Materialkosten. Das ist kurzweilig und erfrischend – und vor allem toll, da sie dabei ganz klassisch auf der Bühne steht.
Im Magazin hat sich Max Rothbart am Klavier niedergelassen. Zwischen allerlei Werkzeugkästen und dem halben Bühnenbild des „Eingebildeten Kranken“ beginnt er eine melancholische Version von Michael Jacksons „Beat It“. Letztendlich mündet es in einem Monolog aus Simon Stones Überarbeitung von Tschechows „Drei Schwestern“. In der Kantine wartet bereits Ulrike Willenbacher, die es sich mit dem Bürgerblatt und einem Augustiner gemütlich gemacht hat, während sie einen Ausschnitt aus Robert Walsers „Basta“ zum Besten gibt. Der melancholische Blick in der Kantine herum zeigt, wie coronakonform auch dieser sonst so frei nutzbare Ort mittlerweile aussieht: Abstand, Spuckschutz, direkte Laufrichtungen. Aber was soll man machen? Basta.

© Adrienne Meister

Den Abschluss bildet der Schmuckhof, der an die Allerheiligen-Hofkirche der Residenz grenzt und denen, die sich schon einmal dorthin verirrt haben, als absolutes Kleinod gilt. Michael Wächter und Simon Zagermann präsentieren einen Ausschnitt aus „Vor Sonnenaufgang“ – und so schließt diese Wiederauferstehung des Residenztheaters genauso, wie sie vor Monaten schließen musste. Es ist ein sanfter Neustart, ein ungewisses Erhaschen, ob überhaupt Interesse besteht. Die Parcours sind allesamt ausverkauft, Ende Juni soll es noch einmal eine Runde geben. Dann, so die Hoffnung, soll es mit wenigen angepassten Inszenierungen doch wieder in den Spielbetrieb gehen. Mit 50 Personen? Nicht realisierbar. Doch vielleicht gelingt es noch vor Spielzeitpause, im Saal zu sitzen und eine Produktion anzusehen. Das wäre die schönste Variante – mit Abstand!

Kritik: Ludwig Stadler