Sündenfrei in die Unsterblichkeit – „Tannhäuser“ in der Staatsoper (Kritik)

Gerade einmal für drei Vorstellungen kehrt der „Tannhäuser“, eine der größten Opern Richard Wagners, wieder zurück in die Bayerische Staatsoper, nachdem die Produktion nach der Premierenreihe im Frühjahr 2017 verschwunden schien. Das Publikum, welches bei der letzten der drei Vorstellungen am Muttertag 2019, dem 12. Mai, deutlich internationaler zusammensetzt als außerhalb der Opernfestspiele üblich, dankt es mit einem ausverkauften Haus. Der Beginn um 16 Uhr verwundert zudem wahrlich niemanden, denn Wagner hat auch bei seinen früheren Werken bereits nicht mit der Länge gespart – um kurz vor 21 Uhr erst endet die Vorstellung.

© Wilfried Hösl

Der „Tannhäuser“, das ist wohl eine der mythischsten Geschichten, die Wagner damals mit der Sage um Novalis „Heinrich von Ofterdingen“ gekreuzt hat – beides historisch nur schwerlich nachweisbare Personen, deren Kreuzung dann hauptteilhaft doch dem Tannhäuser zufällt, dessen Existenz zumindest bestätigt erscheint. Dieser mauschelt am Venusberg umher, bis er sich in den absoluten Freuden nicht weiter glücklich wiegt – er vermisst den Schmerz, die Herausforderung. Nach dem Ausbruch landet er wieder an seinem alten Hof des Landgrafs von Thüringen als Minnesänger – aber viel wichtiger: bei Elisabeth, deren Liebe auf Gegenseitigkeit beruht. Nichtsdestotrotz hat Tannhäuser im Venusberg Sünde auf sich geladen, die er sich vergeben lassen muss. Das klappt nach einer Pilgerfahrt nach Rom allerdings nicht sonderlich, weshalb sich seine geliebte Elisabeth auf nicht weiter thematisierten Weg in den Tod begibt, um für das Seelenheil ihres Angebeteten zu bitten – mit Erfolg.

© Wilfried Hösl

Was relativ sperrig klingt, schafft Wagner über die rund 190 Minuten reine Laufzeit gut, ruhig und zeitgleich niemals langweilig zu erzählen. Die Inszenierung von Romeo Castellucci wiederum bahnt sich da einen ganz eigenen, gelungenen, gegen Ende dann doch zu künstlerischen Weg. Bereits zur Ouvertüre lässt er 27 oberkörperfreie Bogenschützinnen auf Auge und Ohr einer großen Abbildung mit Pfeilen schießen – die Nymphen des Venusbergs, die Sicht und Gehör komplett vereinnahmen. Was in große Kritik gestellt wurde, ist im Gesamtkontext absolut stimmig, selbst das anfangs spröde wirkende Bühnenbild in Schwarz und Weiß – denn Wagner lässt die Charaktere nur in diesen Grenzen agieren. Sünder oder nicht, eine mögliche Verbindung finden nur Elisabeth und Wolfram in Freundschaft und Liebe. Im letzten Akt übertreibt Castellucci allerdings mit seinen Einfällen, lenkt zu sehr vom erzählenden Gesang und allgemeinen Bühnentreiben ab – weder die immer mehr verwesenden Leichen noch dauernde Anzeige der Vergänglichkeit wären dazu sonderlich nötig gewesen.

© Wilfried Hösl

Klaus Florian Vogt in der Titelpartie wird in den Welten des Internets nicht selten als zu schwach, zu wenig stimmstark betitelt – auf der Bühne beweist er schier problemlos das absolute Gegenteil. Sein heller Tenor passt perfekt zur Figur des Minnesänger Heinrichs und des liebenden Tannhäusers, der abschließende Applaus ist eindeutig. Besonders großes Lob gebührt Michael Nagy, der für den erkrankten Ludovic Tézier eingesprungen ist. Drei Stunden vor der Vorstellung hat er angeboten, einzuspringen, einen kurzen Crash-Kurs später überwältigt er das Publikum mit einem stimmlich fantastischen Wolfram, dessen fehlende Kenntnis der Inszenierung zu keiner Sekunde zu spüren ist. Auch Lise Davidson als Elisabeth kann in ihren Einsätzen, allen voran zu Beginn des zweiten Aktes bei „Dich, teure Halle“ vollends überzeugen, wie das gesamte Ensemble. Das Staatsorchester unter der Leitung von Simone Young nimmt sich in den Gesangspassagen angenehm zurück, lässt aber zugleich in den vielen Instrumental- und Steigerungspassagen eine gewaltige Soundwand über das Münchner Publikum fahren. Mächtig!

Die große Grundaussage findet man in der Überlagerung, dem „zu viel“, um es mit Tannhäusers ersten Worten in der Oper zu sagen, dann aber doch erst im Schlussakt. Die Grabsteine der beiden Protagonisten tragen nicht die Namen ihrer Rollen, sondern die ihrer Darsteller: Klaus und Lise. Denn Tannhäuser und Elisabeth, die sind unsterblich. Auch in 100 Jahren suchen sie noch nach ihrem Seelenheil, noch dann wird das Publikum den Tod auf der Bühne miterleben – und zwei Tage später ihre Wiedergeburt bei der abermaligen Suche in der nächsten Vorstellung. Sterblich, das sind nur die Menschen, die die Figuren verkörpern. Ob das Wolfang Windgassen oder Josef Aloys Tichatscheck, ob Jonas Kaufmann oder Klaus Florian Vogt sind – sie alle sind nur die irdischen Verkörperungen dieser Figur einer Zeit. Ein Seelenheil? Eine Anmaßung. Darstellerdiskussionen? Nichtig. Der einzig wahre Tannhäuser-Verkörperer? Vielleicht vor 100 Jahren, vielleicht erst in 300 Jahren. Die Musik, die Essenz? Gleichbleibend.

Kritik: Ludwig Stadler